LCD Soundsystem

Sound Of Silver

Text: Carlos de Brito

Wenn eines Tages mal die Nachbrut oder gar dessen Zöglinge einen nach einer tollen, herausragenden Platte des ersten Jahrzehnts fragen, wird unter anderem diese hier genannt werden müssen. Allein schon, weil James Murphy mehrere Fliegen abklappert und ihm mit »Sound Of Silver« das seltene Kunststück gelingt, konsensfähige Musik-Musik für Nerds als auch Gelegenheitshörer zu produzieren. Und das auch noch über Genregrenzen hinweg, als nahezu perfekter Hybrid aus Rock&Roll und elektronischer Tanzmusik.

    Doch der Reihe nach: Dem zweiten Album des New Yorkers – und es soll vereinfachenderweise vom Solo-Künstler die Rede sein, obwohl das Projekt natürlich nicht gänzlich alleine auf die Beine gestellt wurde – ging bereits ein Raunen und Staunen durch den (digitalen) Blätterwald voraus. Mit »45:33« meldete sich James Murphy nach einer etwas längeren Pause und ersten Nachlassverwaltung in Form einer Singles- und Remixcompilation »Introns« eindrucksvoll zurück. Hatte man erstmal Ausverkaufsbedenken bei der Kooperation mit einem namhaften Sportartikelhersteller und ebenso bekannten Technologiekonzern beiseite gelegt, so kam man in Genuss eines als Workout-Untermalung gedachten dreiviertelstündigen Mixes, der kaum besser für Bewegung in Turnschuhen hätte werben können. Dieser Mix ließ auf ein Knalleralbum hoffen, und doch blieben Bedenken. Schließlich war der Vorgänger, das selbstbetitelte Debüt von einigen als Makulatur aufgefasst worden, als ein Fehldruck seiner Großes versprechenden Singles »Losing My Edge«, »Beat Connection« und »Yeah!«. Wie auch immer einen das erste Album gepackt hat: »Sound Of Silver« gewinnt.

    Der musikhistorisch geschulte Fuchs, der zu gern die Kongruenzen zwischen disparaten Musikstücken auslotet und die Style-Implikationen jedweden noch so kleinen popkulturellen Moves mit bedenkt, geht dabei ähnlich vor wie auf dem Debüt: Neun Songs, darunter eine offensichtliche, weil sehr zugängliche Single (dort: »Daft Punk Is Playing At My House«, hier: »North American Scum«), eine Ballade wie Morrissey sie nicht hätte besser betiteln können (dort »Never As Tired As When I’m Waking Up« im Beatles’schen Format, hier ganz Velvet Underground: »New York, I Love You But You’re Bringing Me Down«) und mindestens ein angepunkter Uptempo-Kracher (dort: »Movement«, hier: »Watch The Tapes«).

    Den Unterschied machen die Stücke dazwischen aus, die in dieser Form und Qualität ihre Vorgänger auf »LCD Soundsystem« überragen: Da ist der glänzende Opener »Get Innocuous«, der mit seinen peitschenden Beats wieder »Losing My Edge« in Erinnerung ruft. Da ist vor allem das formidable, mittig platzierte Triumvirat bestehend aus »Someone Great«, »All My Friends« und »Us Vs. Them«, ein Sammelbecken bzw. eine Verweishölle aus Human League, Supertramp, Steve Reich oder gar Dire Straits – und vielen anderen mehr –, wie sie wahrscheinlich nur James Murphy zusammengießen kann. Nicht zu vergessen das ausladende Titelstück »Sound Of Silver« (Kraftwerk vs. Pink Floyd) und – um dann auch jedes Stück einmal erwähnt zu haben – »Time To Get Away«, das David Byrne und den Talking Heads auch gut zu Gesicht gestanden hätte. Dabei artet das Album nie in eine Kopie der Gennanten aus, sondern ist Hommage und immer auch eindeutig LCD.

    Der Deal ist einfach und die eingangs aufgestellte Behauptung keineswegs Marktschreierei: Das Album ist ohne Makel und Ausfälle, eine Tatsache, die in der schnelllebigen, auf Einzeltracks und Playlists fokussierten Zeit fast schon anachronistisch anmutet. Wann hat man zuletzt einen Longplayer von Anfang bis Ende durchhören können, ohne dass die Begeisterung auch nach dem x-ten Durchlauf nachlässt? Na? Siehste. Wir werden zum Jahresende wieder darauf zurückkommen. Diese Silber hier klingt eindeutig nach oberstem Treppchen, nach Gold.

LABEL: DFA Records

VERTRIEB: EMI

VÖ: 15.03.2007

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