Holm Friebe / Sascha Lobo

Wir nennen es Arbeit

Text: Peter Scheiffele

Holm Friebe und Sascha Lobo haben einen Ratgeber für die »Digitale Boheme« geschrieben, der programmatisch »intelligentes Leben jenseits der Festanstellung« beschreibt.

Du sitzt gerne mit Laptop und Latte Macchiato im Café? Dir ist die bevormundende Disziplinargesellschaft immer schon auf die Nerven gegangen? Du findest technische Entwicklungen, Popkultur und die neuen Möglichkeiten des Web 2.0 geil? Dich kotzen Festanstellung, Hierarchien und nörgelnder Kulturpessimismus an? Du würdest gerne mit dem, was dir Spaß macht, ein wenig Geld verdienen? Willkommen in der »Digitalen Boheme«! Hier lässt es sich leben und arbeiten, hier kannst du mit viel Freude Selbstvermarktung und Selbstverwirklichung in Einklang bringen!
    So könnte man Holm Friebes und Sascha Lobos Buch »Wir nennen es Arbeit« zusammenfassen. Es macht Werbung für ein nach der Bruchlandung der New Economy aufgetauchtes digitales Lebens- und Arbeitsmodell junger »Bohemiens«, die keine Abscheu vor Arbeit mehr kennen. Fast möchte man meinen, der fabulierende und ins Alter gekommene Trendforscher Matthias Horx hat, um seiner Trendmanie eine Verjüngungskur zu verabreichen, zwei szenefesten Praktikanten das Wort überlassen. Wachablösung.

Gewieft bewegen sich die Trendforscher zeitdiagnostisch durch verschiedene Theorien – von Adorno über Benjamin hin zu Castells, Bourdieu und Brecht. Sie schmücken ihre Argumente mit schicken Metaphern und Beispielen der Gewinner des Web 2.0. Sie sorgen für Plausibilitäten und Affirmation, wo ehemals Unwohlsein, Angst oder Zerrissenheit das noch nicht richtig im Postfordismus angekommene Subjekt ausmachten. Den Neoliberalismusvorwurf nehmen sie geschickt vorweg, um schlüpfrig ihre Avantgardelitanei lostreten zu können. Dabei ahmen sie nach, was längst schon staats- und städtepolitisch praktiziert wird: die Leute, die Zukunftsängste haben und die Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen oder die intensivierte (selbstständige) Arbeit an sich mitunter als Zumutung erfahren, mit Visionen versorgen, der Durchhalteparole folgend: Bist du heute noch arm, überlastet oder zermürbt, dann arbeite munter weiter und schmiede Projekte – die Zukunft wird es dir danken. Was von politischer Seite aus damit bezweckt wird, ist klar: auf Fragen, für die man gegenwärtig realpolitisch keine Antwort hat, muss unversehens ein pompöses Gewitter von Zukunfts- und Modernisierungsversprechen folgen.

Was die gut aufgestellten Geeks aus Berlin bezwecken, wird gegen Ende deutlich. Abgesehen davon, dass sie sich offen – wie Ulf Poschardt vor ihnen – für das FDP-Parteiprogramm aussprechen und kurzerhand Formen der Gegenkultur und des politischen Widerstands als historisch obsolet darstellen, geht es ihnen im Wesentlichen darum, dem Internet-Entwicklungsland Deutschland ein wenig mehr Leben einzuhauchen. Nicht vorrangig, um Deutschland als Standort zu stärken, sondern zunächst, um die eigene Praxis tragfähiger und finanziell ergiebiger zu gestalten. Dies ist nur möglich, wenn die eigene Praxis von vielen geteilt wird. Denn: »Die digitale Boheme ist die beste Kundschaft der digitalen Boheme.« Wer vom Bloggen leben will, braucht die Aufmerksamkeit, den Click, den Kommentar vieler Produzenten/Konsumenten (»Prosumenten«).
    Da Friebe und Lobo sich von Fragen der politischen Partizipation und von sozialen Kämpfen verabschiedet haben, bleibt u.a. unbehandelt, wonach das Internet sowieso allzu selten befragt wird: Wie steht es um die Möglichkeit der radikal-demokratischen Gestaltung der Gesellschaft, quer durch die Zonen des Staats, des organisierten Kapitalismus und der Prekarität? Das reaktionäre »Komm-sei-Teil-einer-Prosumentenbewegung« braucht – neben unzähligen Usern – den Papa Staat zur Gewährleistung der Infrastruktur und zur Befriedung sozialer Kämpfe, und es braucht das hierarchische Unternehmen zur Entwicklung der eigenen Hardware. Entfremdung vom Gemeinwesen und entfremdete Arbeit werden munter weiter zementiert – das Herrschaftsprinzip des Regierens wird durch Individualisieren beschleunigt.

Holm Friebe/Sascha Lobo: »Wir nennen es Arbeit«, 303 S., 17,95 Euro, ist bereits bei Heyne erschienen. /// www.heyne.de

LABEL: Heyne Verlag

VERTRIEB: -

VÖ: 01.09.2006

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