Clipse Hell Hath No Fury

Text von Stephan Szillus
am 10. Februar 2007

Echte Rapmusik ist ja immer dann am stärksten, wenn sie dem Hörer so richtig schön frontal in die Fresse schlägt. Nach einem schier ewig währenden Rechtsstreit mit ihrer Plattenfirma kotzen uns die Gebrüder Thornton ebendiese vier Jahre Industriestress ungefiltert vor die Füße – und erschaffen damit ganz nebenbei den ernsthaftesten Klassikeranwärter des insgesamt doch eher schwachen HipHop-Jahrgangs Nullsechs. Was schon ihre »We Got It 4 Cheap«-Mixtapes in kürzester Zeit zu Klassikern des Genres erhoben hat, zieht sich wie ein roter Faden durch »Hell Hath No Fury«: Pusha T und Malice brettern mit einem unfassbar eleganten Flow durch diese gute Dreiviertelstunde voller absurder Angebereien, moderner Straßenmärchen und finsterstem Battle-Gemetzel. Die Kohärenz der Platte ergibt sich natürlich auch daraus, dass alle zwölf Instrumentals vom befreundeten Produzentenduo Williams/Hugo zur Verfügung gestellt wurden, allerdings haben diese ihren faulen South-Beach-Gallardo-Sound der letzten Monate hier gegen ein runtergestripptes, unbequemes, ja fast schon sperrig abstraktes Boombap-Revival getauscht. So klingen die messerscharfen Snares und »Uh«-Vocalsamples auf »Ride Around Shining« wie eine verdrehte 06er Version von »South Bronx« und nehmen damit ein wenig das vorweg, was El-P meinte, als er behauptete, seine nächste Platte werde wie ein »psychedelisches BDP-Album« klingen. Ob Orgel und Congas (»We Got It 4 Cheap«), Schifferklavier und stumpfe Snares (»Momma, I'm So Sorry«), Steeldrums und Handclaps (»Wamp Wamp«) oder Bummtschak und Gitarrengeplucker (»Dirty Money«) – die Tunes reduzieren ihre effektiven Cuts immer auf die nötigsten Elemente, um nicht vom Mörderflow des Dealerduos aus Virginia Beach abzulenken. Features werden daher auch lediglich aus dem engsten Freundeskreis aufgefahren: Rosco P. Coldchain sowie Ab-Liva und Sandman von der Re-Up-Gang, Pharrell natürlich, dessen Buddy Slim Thug aus Houston und der NeoSoul-Wunderknabe Bilal auf der abschließenden Paranoiahymne »Nightmares«. Um das hier dennoch mal klarzustellen: Nein, die größten Storyteller seit Slick Rick sind Pusha und Malice nicht. Und auch nicht die Wiedergeburt von Public Enemy im Dealergewand. Ihre drastischen Beschreibungen des Hustleralltags lassen sich ohnehin nur mit der akademischen Brechstange als sozialkritische Kommentare lesen. (Da hilft es nicht mal, wenn Pusha eloquent darauf hinweist, dass man ihn schon den »young black Sokrates« nennt.) Aber Clipse machen HipHop, wie er sein muss: Unangepasst, hart, roh und, ja, authentisch. Und daher wirkt ein Großteil der aktuellen Rapmusik gegen diese 48:41 Minuten auch plötzlich komplett belanglos, bieder und irrelevant. Wort, Sohn.

LABEL: Jive

VERTRIEB: SonyBMG

VÖ: 12.01.2007

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