Clipse Hell Hath No Fury

Echte Rapmusik ist ja immer dann am stärksten, wenn sie dem Hörer so richtig schön frontal in die Fresse schlägt. Nach einem schier ewig währenden Rechtsstreit mit ihrer Plattenfirma kotzen uns die Gebrüder Thornton ebendiese vier Jahre Industriestress ungefiltert vor die Füße – und erschaffen damit ganz nebenbei den ernsthaftesten Klassikeranwärter des insgesamt doch eher schwachen HipHop-Jahrgangs Nullsechs. Was schon ihre »We Got It 4 Cheap«-Mixtapes in kürzester Zeit zu Klassikern des Genres erhoben hat, zieht sich wie ein roter Faden durch »Hell Hath No Fury«: Pusha T und Malice brettern mit einem unfassbar eleganten Flow durch diese gute Dreiviertelstunde voller absurder Angebereien, moderner Straßenmärchen und finsterstem Battle-Gemetzel. Die Kohärenz der Platte ergibt sich natürlich auch daraus, dass alle zwölf Instrumentals vom befreundeten Produzentenduo Williams/Hugo zur Verfügung gestellt wurden, allerdings haben diese ihren faulen South-Beach-Gallardo-Sound der letzten Monate hier gegen ein runtergestripptes, unbequemes, ja fast schon sperrig abstraktes Boombap-Revival getauscht. So klingen die messerscharfen Snares und »Uh«-Vocalsamples auf »Ride Around Shining« wie eine verdrehte 06er Version von »South Bronx« und nehmen damit ein wenig das vorweg, was El-P meinte, als er behauptete, seine nächste Platte werde wie ein »psychedelisches BDP-Album« klingen. Ob Orgel und Congas (»We Got It 4 Cheap«), Schifferklavier und stumpfe Snares (»Momma, I'm So Sorry«), Steeldrums und Handclaps (»Wamp Wamp«) oder Bummtschak und Gitarrengeplucker (»Dirty Money«) – die Tunes reduzieren ihre effektiven Cuts immer auf die nötigsten Elemente, um nicht vom Mörderflow des Dealerduos aus Virginia Beach abzulenken. Features werden daher auch lediglich aus dem engsten Freundeskreis aufgefahren: Rosco P. Coldchain sowie Ab-Liva und Sandman von der Re-Up-Gang, Pharrell natürlich, dessen Buddy Slim Thug aus Houston und der NeoSoul-Wunderknabe Bilal auf der abschließenden Paranoiahymne »Nightmares«. Um das hier dennoch mal klarzustellen: Nein, die größten Storyteller seit Slick Rick sind Pusha und Malice nicht. Und auch nicht die Wiedergeburt von Public Enemy im Dealergewand. Ihre drastischen Beschreibungen des Hustleralltags lassen sich ohnehin nur mit der akademischen Brechstange als sozialkritische Kommentare lesen. (Da hilft es nicht mal, wenn Pusha eloquent darauf hinweist, dass man ihn schon den »young black Sokrates« nennt.) Aber Clipse machen HipHop, wie er sein muss: Unangepasst, hart, roh und, ja, authentisch. Und daher wirkt ein Großteil der aktuellen Rapmusik gegen diese 48:41 Minuten auch plötzlich komplett belanglos, bieder und irrelevant. Wort, Sohn.

LABEL: Jive

VERTRIEB: SonyBMG

VÖ: 12.01.2007

JUICE Magazin abonnieren
SPEX ABO
BESTELLEN
UND TOLLE
PRÄMIEN
SICHERN!

 
 
 
ZUM SHOP
spex_no368_final_cover_154px_kiosk
DIE NEUE
AUSGABE &
BACK ISSUES
JETZT
VERSAND-
KOSTENFREI
BESTELLEN!
 
 
ZUM SHOP
anohni

SPEX-Sondercover & neue Prämien für Abonnenten

Macht sich gut in der Hand – und an der Wand: Ab sofort erhalten SPEX-Abonnenten jede Ausgabe mit einem Spezial-Cover.

OgoyaNengo

Ogoya Nengo And The Dodo Women’s Group »On Mande« / Vorabstream & Review

Ogoya Nengos erstes properes Album beginnt und endet mit nacktem Gesang – dazwischen entfaltet sich erstaunliche Komplexität.

Tim Hecker by Todd Cole

Magnetisch ist die Abstoßung: SPEX präsentiert Tim Hecker / Ticketverlosung

Man umkreist sich: Seit 15 Jahren möchte unsereins mit Tim Hecker anbandeln und fremdelt zugleich. Das ändert sich auch mit seinem neuen Album Love Streams nicht. Hecker bleibt der Entrückte, den man streicheln will. Im Berghain lädt er zum nächsten Annäherungsversuch. Dabei wird es enden wie immer: wir werden abgestoßen sein.

616892376842

Dälek »Asphalt For Eden« / Review

Dälek bleiben mit neuer Besetzung ihrem alten Konzept treu und entwickeln sich trotzdem weiter.

VenetianSnares2_byAdamMichaud

Vorglühen im Berghain: Before Tauron Nowa Muzyka Festiwal 2016

Weil ohnehin niemand mehr checkt, zu welcher Tageszeit man am besten ins Berghain geht, gibt es dort nun auch ein Warm-up-Programm – für das polnische Tauron Nowa Muzyka Festiwal. Venetian Snares, RSS Boys und Nervy treten auf.

agnes_obel_frank_eidel

Gestern hat es noch Rosen geregnet: SPEX präsentiert Agnes Obel

Agnes Obel kommt – und sie hat Erinnerungen mitgebracht.

WEB_027_Die_Heiterkeit_mhms_DSC7957_©_Malte_HM_Spindler_

Die Heiterkeit sind und bleiben »Im Zwiespalt« – SPEX präsentiert live

Die Heiterkeit machen ernst: Pop & Tod I+II wird das dritte Album der Hamburger Band heißen, das am 03. Juni bei Buback erscheint. Nach dem Video zur zweiten Single »Im Zwiespalt« (kürzlich Weltpremiere bei SPEX) sind nun die gesammelten Tourdaten raus. SPEX präsentiert.

Alex Cameron-1

Eine geht noch: Torstraßen Festival 2016 mit finaler Line-up-Ankündigung

Sie kriegen nicht genug: Zum schon jetzt großartig besetzten Berliner Torstraßen Festival Anfang Juni kommen noch ein paar Perlen hinzu.

truemmer_interzone

Trümmer »Interzone« / Review

Einfache Bilder, Pop-Phrasen, für jedermann verständlich und doch auch in verschnörkelter Schrift denkbar: Paul Pötsch sing neuerdings von Neonröhren, swag und leuchtenden Skylines.

Claire Tolan_2_Anastasia Filipovna

Weltuntergang und Pu-Erh-Tee: Decession Festival in der Volksbühne Berlin

Claire Tolan, Foto: Anastasia Filipovna Das am 30. April in der Volksbühne Berlin stattfindende Decession Festival spricht gleich mehrere menschliche Wahrnehmungsorgane an und zeigt damit auf, was mit…

brianeno_theship

Brian Eno »The Ship« / Review

Brian Enos Warte ist die des auktorialen Erzählers, der aus einer dem griechischen Tragödienchor verwandten kommentierenden Distanz vom Scheitern menschlichen Strebens berichtet.

Dubokaj_up2_quadrat-1

Dub vom Berg: Dubokaj im exklusiven Album-Vorabstream

Dubokaj ist Dub-scientist aus der Schweiz und veröffentlicht am Freitag sein Debütalbum Alpine Dub. SPEX präsentiert den Komplettstream bereits vorab.