Pantha Du Prince »This Bliss«

Text:

Hendrik Weber verschiebt Zeichen und Signale. Er legt Fährten aus, die allesamt ins Dunkel führen. Statt einer Fläche zur Identifikation bietet er Funktionales für die Motorik. »This Bliss« ist ein Techno-Album, zu dem sich trefflich schweigen ließe. Aber es ist auch ein Versteckspiel voller Andeutungen, ein Spiegelkabinett ohne Ausgang – das zweite des Hamburger Musikers und Produzenten unter dem Projektnamen Pantha du Prince.
    Kristalline Glöckchen und Murmeln aus Glas und Holz kullern auf »This Bliss« durch ein geschlossenes, weit verzweigtes System. Zudem macht Weber über zehn Tracks den gesamten Kreislauf des Wassers hörbar. Es fließt und gefriert, es schneit herab, blendet und verflüchtigt sich wieder. Die Stücke begleitet eine unruhige Gelassenheit. Keine Atmosphäre nistet sich so lange ein, dass es gemütlich würde. Bezaubernde Momente sind stets bedroht, und selbst die Abfahrt bleibt zerbrechlich. Dabei entfaltet sich die Musik so bestimmt, als würde sie durch natürliche Schwer- und Fliehkräfte getrieben. Nur hier und da ändert der Autor die Vorzeichen und regt seine Elemente zum Richtungswechsel an. Er ist eine undurchsichtige Schattengestalt, ein androgynes Phantom, das gezielt Informationen streut und wieder abzieht.
    Der hüpfend pulsierende Track »Moonstruck« ist eine erklärte Hommage an den Minimalisten Terry Riley. Unglaublich sparsam und pointiert in der Geste verläuft auch »Urlichten«, ein eleganter Koloss von zehn Minuten − eine Komposition. Nun ist der Verweis auf die »ernsthafte« Musik im Hause Dial keine Seltenheit. Folgen wir dieser Spur, dann wäre der Minimalismus auf »This Bliss« einer der gesättigten, rauschhaften und beseelten Art. Die Hochkultur und ihre Verwertung hätten sich gegenseitig gehoben. Richtig einleuchten will dieser Schluss nicht. Er zielt ins Leere, weil sich der Musik keine Verbeugung nachweisen lässt.
    Versuchen wir etwas anderes: Pantha du Prince hat kürzlich zwei Stücke bearbeitet, von Phantom/Ghost und Depeche Mode. Begreift man deren Eigenheiten als Eckpunkte eines Universums, fänden sich darin Regionen für Schönheit und Melancholie, auch für Esoterik und das Nachleben der 80er Jahre. Tatsächlich ist mancher Passage auf »This Bliss« eine düstere Romantik eigen, vor allem dem Streichermeer in »Saturn Strobe« (einer Coverversion von Howard Skemptons »Lento«, auf der Platte irrtümlich: Robert Skempton; Anm. d. Red.). Obendrein hat Weber einen Sinn für poppige Wendungen, die im Effekt euphorischen Refrains ähneln. Doch wo ein gemeinsamer Kosmos sich andeutet, bleibt diese Platte ein schwarzes Loch, das Anhaltspunkte verschluckt und Bezüge in einer weit entlegenen Echokammer abstellt. Von dort dringt keine Narration zu uns durch, sondern eine Musik, die ganz und gar für sich selbst spricht. So Gott will, verhaucht irgendwo ein leiser Trost: »Entspannt euch, es ist nur ein Geist.«
    Egal, von welcher Seite aus man sich diesem Ding nähert, bis in sein Zentrum wird man nicht vordringen, weder am Schreibtisch noch im Club. Weber bündelt Einflüsse und Ambivalenzen durch eine strenge Ästhetik, in der etwas sehr Altes mitzuschwingen scheint. Das sakral anmutende Symbol auf dem Cover deutet kokett in diese Richtung. Doch es stammt vom Künstler selbst. Vielleicht ist dies trotzdem der Schlüssel − keiner, der einem Zutritt verschaffen würde, sondern ein Sinnbild der Reduktion auf eine eigene, zeitlose Form. Denn genau das scheint mir Pantha du Prince zu sein: der Versuch, nach postmoderner Recodierung zu einer neuen Konzentration zu gelangen, zu einem nicht benennbaren Destillat außerhalb des Referenzraumes. Die Mystik der Präsentation wäre somit nicht bloß Maskerade, sondern auch Prinzip. Weber verhandelt die Frage nach den letzten Dingen in sich selbst, ohne dass auch nur ein Wort davon nach außen dringen würde. Den Dancefloor aber taucht er in trockenen Portwein.

LABEL: Dial

VERTRIEB: Kompakt

VÖ: 26.01.2007

Weiterführende Artikel

  • Damero Ich konnte nicht an mich halten. Als ich das lipplose Mumingesicht auf dem Cover sah, griff ich sogleich zum Infantilo-Stift und malte Münder in seine Leere: frohe, traurige. Lustig-morbide zu...
  • Pantha du Prince mit neuen Streams »Zusammen mit zwei Freunden – Stephan Abry und Joachim Schütz – habe ich (mein) kommendes Album ›Black Noise‹ in einem Haus in der Schweiz...
  • Pantha Du Prince & The Bell Laboratory Der einen oder dem anderen ist die Zusammenarbeit von Hendrik Weber und u.a. Lars Petter Hagen als Pantha Du Prince & The Bell Laboratory vielleicht noch ein Begriff. Nun wird es im Janu...

Kommentiere den Artikel

  • Die neue SPEX N°354

    SPEX N°354 – die Juli/August 2014 Ausgabe

    SPEX N°354 – ab sofort (versandkostenfrei) im SPEX-Shop und ab Donnerstag, dem 26. Juni, am Kiosk!

    »Pop role model« der Zukunft: FKA twigs, Paul Weller vs. Michael Rother, Sleaford Mods, Psychotrip mit den Temples, La Roux, Fucked Up, Nerd-Serie Silicon Valley, die Lieder des spanischen Bürgerkriegs, Rad Hourani im Modegespräch, Modestrecke Gender Surrender, Vorspiel für Marshall Allen, How To Dress Well, Jungle, Vow & Body Betrayal, April Ashley im Porträt, Myriam Gendron, Esther Perbandt, Human Abfall, Jacques Ferrandez & Albert Camus, Shamir u. v. m.

    Dazu: die SPEX-CD N°118!

    SPEX – auch im Abo mit Prämie!
    8 Hefte8 CDsnur 40 Euro

    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!




  • Musik-VÖs in dieser Woche

    La Roux Trouble In Paradise

    KW 29 (18.07.)

    La Roux Trouble In Paradise (Albumsampler)
    To Rococo Rot Instrument
    Luluc Passerby
    Hollerado White Paint
    King Creosote From Scotland With Love
    The Ramona Flowers Dismantle And Rebuild
    Graveyard Train Hollow
    Dakota Suite & Quentin Sirjacq There Is Calm To Be Done
    Xeno & Oaklander Par Avion
    WIZO Punk gibt's nicht umsonst! (Teil III)

    Weitere Neuveröffentlichungen dieser & der nächsten Woche finden sich im SPEX-Kalender.

  • SPEX präsentiert live

    La Roux

    SPEX präsentiert die aktuellen Tourneen von Banks, Die Nerven, Interpol, The Internet, Tune-Yards, Dean Blunt, Parquet Courts, Darkside, Heimatlieder aus Deutschland, Neutral Milk Hotel, Perfect Pussy, Thurston Moore, Lauryn Hill, Goat, Azealia Banks, Angel Olsen, Fat White Family, Sohn, Anges Obel, Caribou, Kreisky, Maxïmo Park, St. Vincent, My Brightest Diamond, Lykke Li, Mac DeMarco, Kate Tempest, La Roux sowie das Bilbao BBK Live Festival.

  • SPEX–Ticketshop

    SPEX-Tickets gibt es hier!


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs