Polarkreis 18

Text von Uwe Viehmann
am 2. Februar

Es ist ein Paradoxon für mich, verwirrend, betörend und irgendwie verstörend zugleich. Auf der einen Seite ist diese Musik hier so frisch und in der Gesamtheit so konsequent eigen und andersartig wie nur bei wenigen der hiesigen Bands in der jüngeren Vergangenheit. Auf der anderen Seite aber besteht sie auch aus so vielen erkenn- und benennbaren, ja wohlbekannten Zutaten, dass man denkt, es mit einem Surrogat der immerhin deutlich ambitionierteren Alternative-Musik der letzten fünf bis sieben Jahre zu tun zu haben. Viel Radiohead, etwas Muse, sehr viel Sigur Rós, dort eine Schippe Elektronisches und diverse, oft gebrochene, aus der Tanzmusik entliehene Rhythmen, überführt in klassisches Schlagzeugspiel und umgekehrt. Aber am Ende der elf Stücke dieses Debüts bleibt dann doch nur ein bleibender Eindruck: außergewöhnlich.

Polarkreis 18 aus Dresden haben offensichtlich weder Angst noch Respekt vor der Last musikalischer Referenzen. Zum Glück. Sie werfen in einen Topf, was vermischt selten so selbstverständlich geklungen hat wie hier. Die fünf jungen Männer, allesamt Anfang 20, lieben es bei aller Elegie doch hoch energetisch und spielen ohne Scheu vor auch mal dramatisch aufgeladenen Wuchtmomenten, in denen sie Wände aus schweren (nicht nur Gitarren-) Klängen zaubern, wie z.B. am Ende des ersten Songs »Dreamdancer«. Doch lebt die Band von Gegensätzen. Gleich im folgenden Song verbreitet »Chiropody« eine luftige, an, äh, Air erinnernde Stimmung, bevor mit »Somedays Sundays« dann gleich die ganze Bandbreite der Band in einem Song vereint scheint (siehe Heft-CD), wenn sie sich nicht wirklich entscheiden wollen, ob sie eine elektronische Band mit echten Instrumenten oder eine klassische Band mit viel Elektronik sein möchten. Das erinnert oft an Zeiten experimentierfreudigen Postrocks, hier allerdings übersetzt in lupenreinen Pop – dieser steht bei allem Hang und Drang zum Tüftelsound, Klangornament und Bombast eindeutig im Vordergrund. Der Gesang dazu: exaltiert, falsettlastig, aber wandlungsfähig. Musikalisch regiert Weite, die manchmal trockenen Rhythmen konterkarierend. Überhaupt: Die Platte klingt verdammt gut. Alles kulminierend im dann aber wirklich mal eindeutig an die bereits genannten Isländer gemahnenden letzten Song »Under This Big Moon«, den auch jene so erst mal hinkriegen müssen. Ein großartiges Stück Musik, eine Symphonie im Popsongformat, für die alleine sich die Anschaffung dieser Platte lohnt.

Ein Paradoxon soll das also sein? Nein. Eher ein frühes Gesamtkunstwerk einer noch erstaunlich jungen, aber sehr talentierten Band. Musik, die jenen quer im Magen liegen wird, die es nicht gewohnt sind, mit Bauch und Herz und Rechenschieber gleichsam zu hören. Ein Album für kompromissbereite Abenteurer mit Hang zur Theatralik schwermütiger Herzscheiße zwischen Wut und Melancholie. Nahezu perfekt in nicht wenigen Momenten des Lebens.

LABEL: Motor Music

VERTRIEB: Edel

VÖ: 16.02.2007

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