Naked Lunch

This Atom Heart Of Ours

Text: Fiete Klatt

Winter (natürlich Winter!) 2004: Naked Lunch kehren aus den wirklich allertiefsten Tiefen zurück und veröffentlichten mit »Songs For The Exhausted« eine Platte, die nicht weniger als eine Offenbarung war. Sie war die Stimme der Enttäuschten, der Gescheiterten, der Verlassenen. Für jeden, der weiß, wie es sich anfühlt, am Boden zu liegen und die letzten Kräfte mit den letzten Tränen den Bordstein herunterfließen zu sehen. Auch wenn Schmerz das Letzte ist, was irgendwie teilbar wäre, bekam man eine ungefähre Ahnung, was die Band durchgemacht hat, bis am Ende aller Erfahrung dann diese Platte zu hören war. Es war natürlich nur eine sehr vage Ahnung, denn in Wirklichkeit war alles noch viel schlimmer. So richtig schlimm.
    Drei Jahre und 1000 schrecklich verständnisvolle Blicke später, im (natürlich) Winter 06/07: Naked Lunch haben den größten Song ihrer Geschichte geschrieben. Eine Single, die es wert ist, Single genannt zu werden. »Military Of The Heart«. Ein absoluter Knaller. Ein Opus, eine Hymne an die Liebenden, an das, wofür es sich immer wieder lohnt, aufzustehen und weiterzumachen. »We don't need entertainment / We entertain ourselves«. Das größte Glück ist immer in den Augen deines geliebten Gegenübers zu finden. »I love my son and I love my daughter / I love my girl and I love my friends / I hope I die right in your arms then«. Dieses aus den Augenrändern triefende Pathos! Es tut so weh. Es ist so wunderschön. Das Jammertal ist durchschritten. Jetzt geht es Hand in Hand dem glühenden Licht entgegen, freudestrahlend in den Abgrund, der Hoffnung, aber nicht Erlösung verspricht. Das war es, was den Naked Lunch'schen Kosmos immer wieder aus dem Dunkel gezogen hat: Glaube, Liebe, Hoffnung. Und überhaupt: Es tut so gut, wieder an etwas glauben zu können.

    »This Atom Heart Of Ours« ist auch im klassischen Sinne ein wirklich gutes Album geworden. Man hat das Gefühl, gar nicht so richtig an die Platte heranzukommen, heimlich überfällt sie einen, hinterrücks lässt sie dich ausbluten, bis du merkst, dass alles wahr ist. Die einzige Wahrheit, die dich nicht verrückt werden lässt. Was hat Oliver Welter denn in der ganzen Zeit mit seiner Stimme gemacht? Blut getrunken? Rotwein aus schwarzen Kelchen? Wie eine Art geheime Gefolgschaft lässt man sich mitnehmen, bedingungslos. Als würden Schmerz und Hoffnung derselben Silbe entstammen. Als hätten Arcade Fire, John Lennon und Oliver Welter die größte Pop-Platte der letzten paar Minuten machen wollen. Als läge alles Leiden, alles Hoffen in dieser Stimme. Das alles, und noch viel größer. Ich hoffe, euch geht's wieder besser.

LABEL: Louisville Records

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 19.01.2007

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