Trentemøller
The Last Resort
Text: Sebastian Fasthuber
Mama, wo ist’s Techno? Anders Trentemøller, mit düster-hypnotischen Produktionen wie »Physical Fraction« der Rave-Aufsteiger des Jahres 2005 und immer noch ohne wirklich schlechte Veröffentlichung (gut, der »Sodom...«-Remix für die Pet Shop Boys ist Geschmackssache), hat für sein erstes Album einen aus der Mode geratenen Ansatz gewählt:
Zu hören gibt es nicht zehn Mal Bumm-Bumm in Perfektion, aber mit begrenztem Wert für den Heimhörer, sondern einen facettenreichen 77-Minuten-Kopfhörertrip. »The Last Resort« sagt: Es gibt ihn noch, den guten alten Autorentechno. Und wir sagen erstaunt: Aber wie beglückend andersartig, frisch bzw. neu er klingt! Normalerweise meint Autorentechno ja: Ein angesagter Technoproduzent vermeint angesichts seines ersten Albums, Vielseitigkeit demonstrieren zu müssen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier bisweilen jedoch weit auseinander.
Ganz anders hört sich das beim Dänen an. Ebenso leichtfüßig wie virtuos vermischt er unterschiedlichste Stile und gelangt doch zu einem konsistenten, homogen klingenden Ergebnis. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll zu loben: Zuallererst ist der Sound noch unfassbarer als erhofft, ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt eine derart fein zwischen Elektronik und traditionellem Instrumentarium (Gitarre, Bass, Glockenspiel, teils auch Drums) ausgewogene Produktion gehört habe. Die recht abrupten Twists, die Trentemøllers Tracks immer schon auszeichneten, bereichern auch »The Last Resort«, gleichen hier aber schon eher Metamorphosen, wenn Stücke an einem ganz anderen Punkt enden, als sie begonnen haben, und doch wunderbar schlüssig klingen. Die größte Überraschung aber ist, wie gut (und im klassischen Sinne musikalisch) der Mann mit Stimmungen umgehen kann, wie er oft nur durch den Einsatz eines bestimmten Sounds Bilder im Kopf erzeugt. Das rein instrumentale »The Last Resort« bedient sich dabei der Mittel von Filmmusik, nur setzt es sie nicht als Taschenspielertricks zur Generierung von Gefühlen ein, sondern um die echten Emotionen eines – nun ja – nordischen, melancholisch bis düster gestimmten Anfangdreißigers auszudrücken.
Selten hat man so viele Ideen so schlüssig auf einem so ausgefeilten Album vereint gehört, selten mag man sich so vorbehaltlos in Musik fallen lassen. Und auch an jene, die dann doch gern ein wenig härter fallen (soll’s ja geben), hat Trentemøller gedacht und der Erstauflage eine strenge Techno-Bonus-CD mit fast allen Vinyl-Hits beigelegt. So kriegt er alle, dagegen kann keiner an. Um mit einem besonders undergroundigen Soulseek-Kollegen zu sprechen: »Trentemøller might be hyped but his album is just great.«
LABEL: Poker Flat
VERTRIEB: RTD
VÖ: 06.10.2006

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