A Guy Called Gerald

Proto Acid - The Berlin Sessions

Text: Florian Sievers

Wie war das noch mal mit dem Propheten und dem Berg? Sollte der eine am besten zum anderen kommen oder der andere besser zum einen? Und was ist, wenn der Prophet einfach von einem Berg zum nächsten wandelt und dabei selber einer wird – ein Berg, körperlich gesehen, meine ich jetzt? So wie Gerald Simpson, der als A Guy Called Gerald seit seiner Jugend auf zertrampelten britischen Kornfeldern schon so einiges war: Raver in Madchester, Mitglied von 808 State, Adaptierer von Chicago Acid für die britische Insel, Miterfinder von Bleeps & Clonks, Kooperationspartner von Carl Craig, Finley Quaye und 4hero, Drum'n'Bass-Skulpteur, Beatzerspalter von David Bowie für dessen »Earthling«-LP sowie in den goldenen Zeiten auch mal Chartpopper mit »Pacific State« und »Voodoo Ray«. Jemand, für den schon aufgrund seiner Biografie Tanzmusik immer einfach Tanzmusik ist und nicht in unnötige Genres wie Techno oder Jungle zerfitzelt werden sollte. Ein Prophet also, den es seit den frühen Neunzigern erst von Manchester nach London zog und dann nach New York, immer dorthin, wo es auf der Welt seiner Meinung nach gerade passierte. Dass dieser Ort nun gerade Berlin sein soll, kann man für unoriginell halten. Aber es war nun mal auf diesem immer noch schweißfeuchten Boden, der einst den Brückenkopf von Detroit und Chicago nach Festlandeuropa trug, auf dem Gerald Simpson durch Selbstbeschränkung und -besinnung wieder zu seinem eigenen dunklen Abgrund fand, nach einigen Ausflügen in seichtere Gewässer, in denen man dank Pop und Gesang nicht so schnell untergeht. »Proto Acid« ist nämlich genau das – Acid ohne Acid, ohne den Signaturesound der 303 also. Dafür 24 ineinander geschraubte Skizzen mit zuckendem Jack, züngelnden Bleeps, unbehauenen Clonks, kantigem Electro, neoprimitivem Techno, wie er auch vor 15 Jahren schon fast genau so in dieser Stadt erklungen ist. Keine weltbewegende Platte, aber so dermaßen aus der Zeit gefallen, dass sie deren Test sicher eine Weile bestehen wird.

LABEL: Laboratory Instinct

VERTRIEB: Hausmusik

VÖ: 25.08.2006

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