Kanye West

Late Registration

Text:

Das Wort Backpacker taucht in dieser Plattenkritik genau einmal auf. Wer mehr über vermeintlich welterschütternde Genreausdifferenzierungsbestrebungen wissen will, schlage im aufklärerisch-erhellenden Editorial der aktuellen Juice nach. An dieser Stelle legt die allesfressende Distinktionsmaschine eine Schweigeminute ein. Nicht nur im Gedenken an die vielen sinnlosen Opfer von Katrina und ihres (unfreiwilligen?) Verbündeten – der US-Regierung und ihren unzähligen rationalistisch-bürokratistischen Organen und Wurmfortsätzen -, sondern auch zum Zwecke des Durchatmens und wiederholten Revuepassierenlassens von Kanye Wests medienrevolutionärer Missachtung der Unmündigkeitsapparatur Teleprompter. In einem Akt spontaner Selbstermächtigung wich West in einer Promi-Benefiz-Livesendung auf NBC vom Protokoll ab, dankte leicht stolpernd den Helfern vom Roten Kreuz und kritisierte (selbstverständlich Jahre zu spät und ganz opportunistisch aus offensichtlichem Grund) den Kriegseinsatz im Irak und den Schießbefehl der Sicherheitstruppen in Louisiana, während im Hintergrund Bilder der überschwemmten Gebiete liefen. Der sichtlich irritierte Mike Myers hielt sich anschließend, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, an den Teleprompter und fuhr die rituell-professionelle Betroffenheitsbekundung ab. Kaum beendet, entfuhr es Kanye West, den Blick fest in die Kamera gerichtet: »George Bush doesn’t care about black people«. Bevor der noch irritiertere Myers überhaupt den Mund öffnen konnte, kam schon der Schnitt auf einen völlig verunsicherten Moderator.
    Nun macht solch eine Aktion Kanye West nicht plötzlich zu einem »politischen« Produzenten/MC, auch lassen sich Kanyes (fantastische) Alben nicht in einem Akt rückwärts gewandter Prophetie einfach mal eben »politisch« aufladen. Dafür darf sich an Wests notgedrungen undifferenzierten Äußerungen gern noch einmal eine nuanciertere Antiamerikanismus-/Bushbashing-/Rassismus-Diskussion entflammen. Ihm ist gelungen, was Chuck D und anderen verwehrt blieb: Mainstream-Amerika die Meinung zu geigen. Dies ist nicht zuletzt seiner Krokotasche, seinem Designerfetisch, seinem Crossover-Popappeal, sprich seiner relativen Harmlosigkeit geschuldet. Die, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gezündet und mit einer Armada in den Startlöchern stehender Intellektueller unterfüttert, eine wirkmächtige Waffe sein kann.
    Allerdings darf man ruhig auch mal eben in Richtung »Late Registration« schielen. Zwischen einem Berg musikalischer Diamanten finden sich vier – New Orleans im Hinterkopf – geradezu prophetische, lustige und mittlerweile politische (ohne Anführungszeichen) Skits, in deren Zentrum die arme afroamerikanische Studentenverbindung »Broke Phi Broke« und ihr Song stehen: »How many cars do we own? – None, Sir!« Alle zusammen: »We can’t afford no gas! We can’t afford no gas! We …«
    Für die Einkaufsliste und die Akten: eine der HipHop-Platten des Jahres!

LABEL: Universal Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 29.08.2005

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