CocoRosie Noah’s Ark

Text:

Wahrscheinlich ist es die völlig angstfreie Intensität der Stimmen, die mir diese Platte so wertvoll macht. Neben dem glasklar hellen bis brüchig quengeligen Sopran der CocoRosie-Schwestern Casady sind das Devendra Banharts Falsett und vor allem Antony Johnsons schmerzvoll strahlendes Vibrato. Hier glückt der Kunstgriff trotz oder gerade über extreme Gesangsmanierismen, maskierte, verstellte Stimmen, deutlich ausgestellte Künstlichkeit und kunstfertig-ausgebildete Handwerklichkeit des Ausdrucks, eine im Wortsinne selbstverständliche Stimmigkeit zu entwickeln. So wird einerseits jegliche Illusion von Natürlichkeit und Ungebrochenheit zu Recht im Ansatz unterbunden und dennoch eine überaus schlüssige, sich selbst erhaltende Logik, ein verzaubert funkelnder CocoRosiescher Welttraum hervorgebracht. Nicht, dass die Musik dies nicht unterstützen würde. Im Gegenteil, sagt sich doch die luftige Mischung aus Lagerfeuerklampfen, Harfenklängen, Field Recordings und kleiner Elektronik, aus Lowest-Fi-Anrufbeantworteraufnahmen und poliertem Laptopsound, mehr noch als auf CocoRosies Debüt, von jeder Art Folk-/Hippie-Klischees und Americana-Traditionalismen los. Dazu durchzieht »Noah's Ark« eine clever verfremdete, biblische Ikonographie, die sich in »Beautiful Boyz«, im Duett mit Antony, bis in die höchsten Höhen einer queer gelesenen Passionsgeschichte aufschwingt, um sich dann wahlweise in einer mutmachenden Brooklyner Coming-of-Age-Geschichte zu entladen, sich einem Weltuntergangsgospel im Madison Square Garden hinzugeben oder glückstrunken einem brasilianischen Sonnenaufgang entgegenzutaumeln. Im Gepäck immer eine Utopie, antireaktionär, frei von Weltschmerz und Selbstmitleid – und entgegen den Anmutungen, die CocoRosies unironisches Batik-Federn-Perlenstickerei-Hippieoutfit oder das krakelige Cover vielleicht provozieren mögen, ganz und gar nicht naiv.

LABEL: Touch And Go

VERTRIEB: Soulfood

VÖ: 13.09.2005

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