Devendra Banhart
Cripple Crow
Text: Maik Platzen
Devendra Banhart, ein Name wie ein Zauberspruch. Letztes Jahr entwarf dieser 24-jährige Schamane des »Anti-Folk« auf gleich zwei großartigen Alben einen eigenen Kosmos, der sich aus indianischen Mythen, irrwitzigem Humor, weiser Freundlichkeit u.a. speiste. Seine ungeheuer sinnliche Musik stand im Zeichen magischer Verwandlungen. Banhart befreite Liebe, Verlangen und andere Emotionen davon, wie Waren zwischen Individuen ausgetauscht zu werden, indem er nicht allein von Menschen, sondern auch von Tieren, insbesondere von Insekten, sang und sie Musik werden ließ: eine Stimme wie ein Schakal, die Akustikgitarre kribbelte wie ein Spinnennest.
Demgegenüber beginnt »Cripple Crow«, das vierte Album des Amerikaners und das erste, das im Bandgefüge entstanden ist, zunächst fast irritierend »mellow« und psychedelisch. Die rohe Kraft der reduziert-dramatischen Instrumentalisierung ist der Entspanntheit zarter Songstrukturen gewichen. Aber Banhart bleibt ein Magier, er hat nur eine neue Tonart für seine Metamorphosen gewählt. »I feel like a child«: Ja, Devendra Banhart macht Kindermusik bzw. Popmusik für Kinder, die es satt haben, der systematischen Unterforderung didaktisch motivierter Exorzismen und kommerzieller Belagerung unterworfen zu sein. Statt permanenter Eingrenzung: Entgrenzung - die Kinder zum Beispiel in Gang setzen, wenn sie Sprache als Material bearbeiten, nur halb verstandene Worte genüsslich durchkauen, sich lustige Sätze als Singsang noch einmal und noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Als wäre dem das Wissen inhärent, dass die Möglichkeiten der Sprache, Wirklichkeit spürbar zu machen, sich gerade in einer Modulation der Form, einem Entkommen aus dem Sinn, realisieren lassen.
»Cripple Crow« lässt einen teilweise an »Kinderlieder« wie »Octopus´s Garden« von den Beatles denken. Ein Song heißt dann auch »The Beatles« und erklärt Paul McCartney und Ringo Starr zu »the only Beatles in the world«. (Es sind jedenfalls die beiden Beatles, die man als Kind vor allem liebt!) Derjenige, der hier spricht und singt, ist kein fest umrissenes Ich, sondern ein Rudel, das im Chor »Mama Wolf« anruft, ein flüsterndes Gespenst. Es ist eine Stimme, die neue Worte erfindet und immer wieder in verschiedenen Zungen redet (Banhart wechselt in einigen Songs von Englisch zu Spanisch und andersrum).
Und vielleicht muss man »sinnvolles Sprechen« paradoxerweise erst einmal so lust- und kunstvoll relativieren, wie Devendra Banhart das tut, um zwischendrin auch wieder Botschaften glaubhaft zu machen: »I heard somebody say that the war ended today / but everybody knows it´s going still/our motherlands and motherseas, here´s what we believe / it´s simple, we don´t want to kill«.
LABEL: XL Recordings
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 12.09.2005

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