Heinz Strunk

Trittschall im Kriechkeller

Text: Carlos de Brito

Eine Platte wie ein Multi-Komponentenkleber: Augenwürste, Indoor-Gartenzwerge, Teilebahns, Urlaub vom Ich, Hodenverluste, Fleischtunke und immer wieder leckere Paste. Einsamkeit aufgrund »AA-Fingers«, Abkeulung, Fichtelgebirge, Wortneuansatz an Satz an Satz an Satz, Selbstkasteiung und Schweinereime, ganz feine. Alles dabei, denn »Trittschall im Kriechkeller« ist Psychiatrie, Pflegestufe 3.
    Heinz Strunk grätscht dabei in jene Lücke, die Helge Schneider teilweise hinterlassen hat, seitdem er es verstärkt mit den Möhrchen tut (er bleibt weiterhin ein Gott, kein Zweifel). Der Schöpfer von VIVAs Fleischmann, auch kein ganz junges Gemüse mehr, betreibt mit seinen Erzählungen aus dem Leben des Jürgen Dose die zwar schwerer zu ertragende, aber spannendere Synapsenpenetration: Stolpersprech, Stottersen und Sabberlot durchziehen die Hörspiele, dass es eine freudige Qual ist. Lachen heißt hier Bin Leiden. Ganz nach der Manier eines Gelotologen seziert Strunk die Fallstricke des deutschen Humors, mit seiner ganz eigenen Kombination aus Rentnerhumor, Wortwitz, bitterbösem Wahnsinn und absurden Sinnsprüngen. Er beschreibt bzw. spielt die Unwägbarkeiten im Leben eines Loosers, der u.a. von Erschießungsphantasien in Polen träumt, beim Wichsen vom Nachbarn erwischt wird und schlechte Witze reißt. Die wenigen Songs auf diesem Hörspiel-Album vereint eine seltsame Lo-Fi-Sonderästhetik, sei es der Eurodance-Style der herrlich spakigen Medienkritik »Stop den Wahnsinn!!!« (sic!) oder das wilde Saxophon im bangenden »Das Licht ist nicht für mich«. »Erwachende Leiber« möchte man am liebsten mal auf einem HipHop-Floor erleben, es ist zu bezweifeln, dass der DJ das überlebt. Dabei ist der Beat richtig dick. Aber diese feingeistige Komik für Romantiker mit Affinität zur Metzgerei funktioniert an solchen Orten nicht. Zu anstrengend, zu off the hook. Wie die ganze Scheibe. Deren Konsum sollte auch wohldosiert sein, der Irrsinn kann einem auch mal schnell auf den Sack gehen. Dennoch, der Hausarzt in mir sagt: Gesunde Platte, verlängert das Leben. Verschreibungspflichtige Arznei für´s Zwerchfell.

LABEL: Trikont

VERTRIEB: Trikont

VÖ: 13.06.2005

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->