Jamie Lidell

Multiply

Text: Florian Sievers

Ein Mann – jung, weiß, britisch – sucht den Funk. Klingt schrecklich. Tut Jamiroquai – immerhin noch einigermaßen jung, ansonsten auch weiß, britisch – ja schon lange, wenn auch zunehmend verzweifelt. Warum also ist diese Platte eigentlich so großartig, wie sie nun mal ist? Dafür sollte man vielleicht erst einmal klarstellen, was sie alles nicht ist. Sie ist also: NICHT mit der songschreiberischen Eleganz von Curtis Mayfields Liedern gesegnet, NICHT mit der Rhythm´n´Blues-Versunkenheit von Otis Reddings Soul, NICHT mit der wahnwitzigen Opulenz von Funkadelic, auch wenn uns die Plattenfirma all das einreden möchte. Die Stimme ihres Sängers ist NICHT »in Honig frittiert wie die von Sly Stone oder Prince«, wie die britische Presse ohne Verluste drauflos assoziiert. Und vor allem ist diese Stimme NICHT mit denen zu vergleichen, aus denen damals Al Greens und Sam Cookes Seelen strahlten.

    Auch das möchten sie uns erzählen. Doch diese Vergleiche auf diese Platte anzuwenden hieße, Wüsten mit Stränden zu vergleichen, Ozeane mit einem Fluss, Wälder mit einem Garten. Die strukturellen Ähnlichkeiten sind, dass auch diese Platte den Funk lebt, verstreut, ja: atmet. Und dieser Funk bleibt nur manchmal ein kleines bisschen an dem klebrigen Attribut »funky« pappen wie der des dubiosen Jamiroquai. Meist aber ist er: schmierig, schmutzig, zugleich himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Denn Funk, das heißt »Dreck« oder »Gestank«. Nun ist der Funk seit einiger Zeit ein beliebtes Thema in elektronischer Musik. Vergessen wir mal Jimi Tenor, aber Sutekh zum Beispiel zerschlägt ihn gerne in kleine Splitter, Safety Scissors bringt ihn im weißen Outfit auf die Bühnen dieser Welt. Und auch Jamie Lidell, um den es hier geht, arbeitet sich schon länger daran ab. Früher zusammen mit Cristian Vogel beim zerschredderten Techno-Funk von Super_Collider, seit einiger Zeit auch bei seinen unfassbaren Solo-Performances, bei denen er schwitzt und über die Stränge schlägt und sich um Kopf und Kragen samplet. Diesen Wahnsinn von einem Kampf um den guten, weil ekstatischen Groove spiegelt Lidell nun für das Elektroniklabel Warp mit dieser Platte wider. Ganz straight, mit tollen Liedern und tollen Harmonien.

    Das eigentlich Aufregende daran ist nun, dass sie dieser Mensch (wir erinnern uns: jung, weiß, britisch) 2005 auf diesem Label (ebenfalls jung, weiß, britisch) veröffentlicht. Und vielleicht wagt Lidell dann ja beim nächsten Mal auch im Studio die dem Funk inhärente Anarchie, seinen Ikonoklasmus und sein eigentliches Thema, das zwischenmenschlich Unaussprechliche, was live ja schon prima klappt bei ihm. Die Grundlage dafür hat er hier gelegt.

LABEL: Warp Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 13.06.2005

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