Spoon
Gimme Fiction
Text: Jan Niklas Jansen
Spoon sind nun also wahnsinnig geworden. An jeder Ecke von »Gimme Fiction« lauern verzerrte Stimmen, schreiend laute Gitarren, völlig atonale Soli und übermütige Schlaginstrumente. Im schmutzig komprimierten Gewand der allerbesten David Bowie-Platten gekleidet, erstrahlt die detailverliebte Arbeit an abwegigem Wohlklang so großzügig verschwenderisch, wie man das sonst eher von Wilco gewohnt ist. Mit dem Unterschied, dass Spoon es sich nicht nehmen lassen, den ganzen Wahnsinn in den Dienst von Songs zu stellen, die trotz aller Ausschmückungen und Ablenkungsmanöver immer unverkennbare Hits bleiben.
Warum dann überhaupt wieder und wieder von Wahnsinn sprechen? Weil es schwer zu glauben ist, dass bloße Arbeit an kleinen Details zu solcher Musik führen kann. Viel einfacher ist es, sich vorzustellen, wie die Band durch ein mehrwöchiges rauschhaftes Erweckungserlebnis in einen Zustand der Besessenheit geriet, der es ihr ermöglichte, zugleich die Zukunft von Ray Davies, Prince und Lou Barlow zu sein. Denn wenn das so wäre, könnte man sich selbst glauben lassen, dass man als Hörer den Wahnwitz der Band durchlebt und nicht etwa berechnend von ihr in die Verzückung getrieben wird. Aber nein. Spoon wissen genauer als je zuvor, wie sie die Zuhörer zu fassen kriegen. Während die Melodien noch den Geist ablenken, macht sich der Rhythmus in aller Gemütsruhe daran, den Körper in einem Zustand anhaltender Atemlosigkeit zu halten. Es ist schließlich nicht so, dass Spoon beim Studium der Klassiker stehen geblieben wären, dass sie sich damit begnügen würden, Tom Petty weiterzudenken (obwohl sie auch das gar nicht schlecht machen). Vielmehr waren sie - als viele Bands, die in den letzten beiden Jahren die Tanzbarkeit in die Rockclubs zurückgeholt haben und noch in High School-Punkbands spielten - schon tief in das Studium alter Funk- und Soul Platten vertieft und lernten eifrig, diese eigentümliche Mischung aus verzweigter Reichhaltigkeit im Arrangement und stoischer Ökonomie in der Grundstruktur zu beherrschen. So vermeiden die Indie-Rock geschulten Ausbrüche den rockistischen Sprung in den Vordergrund, sondern ordnen sich uneitel neben die trocken pointierten Streicherarrangements ein. Sobald man mit der Körperlichkeit überhaupt anfängt, macht das ja auch Sinn. Kann ja jeder mal bei James Brown oder Ron Asheton anrufen und aufrechnen lassen, was cooler ist: unablässiges Drängen und stetig vorantreibendes Andeuten oder alle zehn Sekunden ein Höhepunkt. »Gimme Fiction« weiß Bescheid, ist die perfekte Motown-Single unter den Indie-Rock-Alben geworden. Nur dass es bei diesem Format keine B-Seite gibt, die noch einmal so lang (und so gut) ist, das ist, nun ja, zum Wahnsinnigwerden.
LABEL: Matador / Beggars Group
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 09.05.2005

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