50 Cent

The Massacre

Text: Markus Hablizel

Die Erinnerung ist noch allzu plastisch. Wie eine heiße Kartoffel ließ der Chef 50 Cents letzte Platte zuerst einmal fallen. Der angewiderte Blick und der ehrliche Ekel in Viehmanns Augen kommentierte allzu eindeutig Fittys entfesselt-hyperkapitalistische Aufforderung - sowohl inhaltlich als auch ikonisch - »Get Rich Or Die Tryin´«. Und wie hätte es auch anders sein können. Diese Platte muss man nicht erst hören, um zu kapieren, wer da mit welchen Mitteln zu welchem Ziel gelangen will. Und selbst so ein unglaublich abgebrühter und herzloser Hiphop-Redakteurs-Typ wie ich hatte ein seltsam unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Aber ich mag das ja.
    Während andere Schillers Glocke strunzbesoffen nachts um halb drei fehlerfrei zitieren können, habe ich einen Satz nie vergessen, den Niemczyk und Weingartner Anfang der 90er in irgendeinen Spex-Artikel packten: »US-Hiphop hatte nie Berührungsängste mit dem großen Geschäft, was bislang seine große Stärke und Schwäche zugleich war.« Ein Satz, banal und präzise zugleich. Ein Satz, der 50 Cent geradezu prophetisch umreißt. 50 Cent und auch nur 50 Cent. Kein Rapper - Puffy will ich hier nicht hören, Tupac ist tot, Eminem 50s Chef - hat einen auch nur annähernd so seltsamen, tragischen und gleichzeitig so stereotypen Werdegang hinter sich wie Curtis Jackson im Zuge seiner (Auto-)Transformation zu sich selbst. Keine andere Figur der mir bekannten Hiphop-Geschichte hat gleichzeitig so viel von sich selbst profitiert und sich dadurch ständig selbst gefährdet ... und durch diese Selbstgefährdung wiederum profitiert.
    50 Cent ist kein Rapper, er ist eine Zahl, ein Wert. Wann immer die Rede auf die Fähigkeit der Figur 50 Cent kommt, werden Zahlen herangezogen. So und so oft angeschossen, so und so viele Jahre bis zur ersten Platte, in so und so wenig Tagen so und so viel verkauft, so und so hoch dotierte Verträge, so und so viel umgesetzt mit G Unit-Klamotten, so und so viel Sneakers verhökert usw. usf. Schon Simmel hat in seinen Ausführungen zu Fitty von »Wirklichkeit und Wert als gegeneinander selbständige Kategorien, durch die unsere Vorstellungsinhalte zu Weltbildern werden« gesprochen. Das Sein ist das Gegenstück zum Wert, und die Reflexion über die Wechselseitigkeit dieser Beziehung scheint mir fruchtbar und wichtig zu sein. Nicht nur bezogen auf 50 Cent, sondern bezogen auf die Frage, warum HipHop gerade zu dieser Zeit eine Figur wie ihn hervorbringt bzw. ermöglicht und vice versa. Weil ich weniger Interesse am Diskurs als Selbstzweck, sondern an Erkenntnis für das »richtige Leben« - wessen Leben auch immer - habe, lieber Forums-Stüttgen, werde ich auch weiterhin nicht davon ablassen, über »mainstreamrap-modelle als inszenierung« nachzudenken. Ich habe nicht im Geringsten den Eindruck, dass etwa im Falle Frömberg vs. Snoop oder nun bei 50 Cent alles gesagt ist. Wenn wir da auf einen halbwegs grünen Zweig gekommen sind, sehen wir weiter.
Eines jedenfalls ist sicher: 50 Cent kann man nicht ignorieren. »The Massacre« sollte kommenden Monat rezensiert werden. Zudem muss man Gott und Dre in Bewegung setzen, um ein Treffen mit Curtis Jackson zu arrangieren. Ich würde mich opfern.

LABEL: Universal Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 07.03.2005

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