Antony And The Johnsons

I Am A Bird Now

Text: Mario Lasar

Was ist das für ein Mensch, der es schafft, Lou Reed, den man ja bisweilen verdächtigte, zu keiner emotionalen Regung mehr fähig zu sein, bei einem Auftritt in New York zu Tränen zu rühren? Es ist ein schräger Vogel mit sehr viel Seele, der von so illustren Leuten wie Laurie Anderson, Devandra Banhart, Rufus Wainwright und Boy George hofiert wird, die mit Ausnahme von Anderson auch als Gäste auf diesem Album in Erscheinung treten. Seine Stimme wird, für mich nicht ganz nachvollziehbar, mit Klaus Nomi verglichen, und passenderweise bewegt er sich in einem schwulen, genauer: transsexuellen Umfeld, was seinen Niederschlag neben eindeutigen Bezügen in den Texten und Songtiteln darin findet, dass ein Foto von Candy Darling auf ihrem Sterbebett sowohl als Cover für dieses Album als auch die letztjährige EP »The Lake« verwendet wurde. (Lou Reed kannte Darling natürlich persönlich und hat sie in mindestens zwei Songs verewigt, »Candy Says« und »Walk On The Wild Side«, dessen Text ja eine Ode an die Transvestiten New Yorks ist.)

    In der zumeist spartanisch instrumentierten, um Antonys Klavierspiel zentrierten Musik liegt eine Zerbrechlichkeit, die nach Heilsversprechen zu suchen scheint. Eine Art Gospel ohne Gott, eine Hinwendung zum Nichts, von der viel erhofft wird. Manchmal erzählen die Songs von Momenten, in denen Antonys Stimme als Resultat von übertriebenem Vibrato in einen Manierismus umkippt, der dem Eindruck entgegensteht, hier eine Form unreflektierter Selbstentblößung zu erleben. Dabei berührt Antony, ganz im Sinne artistischer Eitelkeit, seine eigene Kunst zu sehr, um die Grenze zur Selbstaufgabe zu überschreiten.

    Dennoch wird hier der altmodischen Forderung entsprochen, dass ein Künstler mit seinem Leben für sein Werk einzustehen habe, um es wahr zu machen. Das klingt wie Chet Bakers selbstvergessenste Trauer, Lou Reed (schon wieder) auf dem suizidalen Deliriums-Album »Berlin« oder Sonntage, die man allein in zu kleinen Wohnungen verbringt.

LABEL: Secretly Canadian

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 07.02.2005

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