Oma Hans

Peggy

Text: Wolfgang Frömberg

Wenn einem Unverständnis entgegenschlägt, hat man es entweder durch selbst provozierte Unverständlichkeit oder schamlose Eindeutigkeit hervorgerufen. Kompliziert bleibt's sowieso, wenn viel gequatscht bzw. noch mehr geschwiegen wird - und doch so einfach. Der Mensch ist schlecht. Die Kulturen verstehen sich deshalb besser als behauptet. Oder was hat Cohn-Bendit da reflektiert, als er forderte, der deutsche Verfassungsschutz müsse multikultureller werden? So wird die rassistische etc. Scheiße am Dampfen gehalten, die abfärbt und zum Himmel stinkt. »Braune Engel«, das zweite Stück der letzten Kommando Sonne-nmilch, wartete mit den wissenden Zeilen auf: »welches wort gibt es als steigerung/ was hier verzweiflung heißt«. Also gesteigerte Wut oder Trauer, die sich physisch statt metaphysisch verausgabt - immer in lauter Opposition zur Kultur der Verblödung. Wie hieß das noch gleich? Geistiger Bummelstreik? Politik? Kunst? Kommunismus?
    @NORMAL: Jens Rachut macht Punk, ob mit Dackelblut, Angeschissen oder dem o.g. Kommando oder noch anders. Was das genau ist, muss uns hier nicht lange aufhalten. Rachut bummelt ja auch nicht. Aber die Band präsentiert und untermalt seine Auftritte diesmal derart perfekt (sic!), dass man Angst bekommen kann, was danach noch kommen soll. Die Texte auf Oma Hans' »Peggy«, wie eh und je so klar und doch so verrätselt wie ein schönes Kinderbuch, geben dem Alltag und seinen Metastasen Saures; mit Gitarren, die auch dem standhaftesten Jubelperser Arme und Beine absägen, einem Bass, der aus dem Gefängnis befreit und Schlagwerk, das der Langeweile was auf die Nuss gibt. Kryptisches habe ich selten so pointiert vernommen wie hier, während an anderen Stellen toller Klartext dem manchmal undurchschaubaren Leben begegnet: »Mit Vollgas in die nächste Scheiße rein / Ja, sie kennt es + sie hat's so satt«. Rachuts Stimme ist derart nah an der Wirklichkeit wie Kopfschmerz am Morgen nach einer Nacht mit Nietzsche oder zu viel Wodka. Wer Breitseite für Breitseite hart erprobter Brillanz bis zum Schluss durchhält, ohne allzu viele Stücke zwischendurch zwei-, drei- oder unendlichfach repeated zu haben, wird nach bereits einer halben Stunde mit den treffendsten letzten Sätzen einer Platte - die das Zeug zum Roman des Jahres hat - seit »Paul ist tot« belohnt. Denn ein Wir, uns alle zu knechten, stellt uns solange kalt, wie nicht jeder Einzelne laut genug Ich ruft und das Beste (für alle) statt das Weite sucht. Daran liegt's, kein Missverständnis: »Mach es nicht wahr«. Die Scheiße. Kapiert?

LABEL: Schiffen

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 24.01.2005

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