Dizzee Rascal
Showtime
Text: Torsten Schmidt
Dylan Mills legt nach. Wieder ohne jede Mühen, den Blick auf Autobiographisches hinter irgendwelchem Kunstfirlefanz zu verstecken, wieder voller Glühen, irgendwelche Wirren so kunstvoll zu vollstrecken, dass man wieder und wieder zurückspult. Um es vorwegzunehmen und den Titel zu erläutern: ja, Album Nummer zwei zeigt den »Jungen aus der Ecke« nun auf der Bühne, lässt ihn gleiten, auf einer Reise, die noch mal den Weg aus Bow, East London über Garage-Raves und Piratenradio zu Mercury-Preisen und Gigs in Wembley mit Jay-Z, Headliner in Reading und all dem daran Hängenden nachzeichnet. Im gar nicht mal so starken Gegensatz zur ersten Platte und dem immer noch wärmstens empfohlenen Demo, lebt Dizzee immer mehr von der Fokussierung seiner Strahlkraft, als von roher Energie. Er schafft es, den Elternschreck so zu kultivieren, dass er ihn nicht ständig raushängen lassen muss, um so viel tiefer in die Seelen seiner Hörer stoßen zu können.
Das ist kein Grime, sondern alles Pop im besten Sinne, rockt trotz aller inzwischen auf ProTools im Studio statt Fruity Loops zu Hause aufgenommenen Galaxy2Galaxy-Streicher wie Wutz, klingt weniger apokalyptisch und doch roher als das meiste hier gerollte Sushi. Dass jemand, der mit »Hard Knock Life« groß wird, gern mal feuchte Augen bekommt, wenn er bei Top Of The Pops-Wiederholungen Captain Sensibles »Happy Talk« hört, und daraus wie in »Dreams« ein kleines Ruhrstück zimmert, es sei ihm gegönnt – denn auch hier frittiert und füttert er nicht das Statusgebabbel britischer Innenstadt-Teenager, sondern kommt weiter »straight out of the off-license« und, ähem, hat nach dem Runterrattern von Verkaufszahlen noch ein freundliches Dankeschön über.
Während andere immer noch derb quietschendere Effekthooks aus dem Triton zu zwirbeln sucht, lässt Dylan Mills sich fallen, hat genug geraved, um zu wissen, wann man der Snare den Raum zum Hallen lassen muss, wie viele Streicher tragen, bevor sie die Hörer erschlagen. Solche Mini-Balancen auszutarieren, bereitet ihm kein Problem, denn »if I can't find a way around, I'll find a way across, and if I can't find a way across, I'll walk straight through«, wie es kurz vor dem sich immer stärker in sich hineinverschachtelnden Ende heißt. Tim Westwood, zu oft über ausgelassene transatlantische Verbrüderungen lamentierender Altvorderer britischen HipHop-Lebens, hätte Dizzees »I'm Just Bein' Me« auch nicht knapper zusammenfassen können – wie wenig Sinn dieser junge Mann und »all his UK road youth« darin sehen, genau danach zu streben, statt eben weiter an der Betonierung des eigenen Weges zu arbeiten, wird er wohl auch nach diesem Kilometerstein von Album nicht verstehen können. Während sie und wir gemeinsam munter winkend, wippend und nickend an ihm vorbeiziehen werden.
LABEL: XL Recordings / Beggars Group
VERTRIEB: Indigo
VÖ: 27.09.2004

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