The Red Krayola / David Grubbs

Singles / Japan In Paris In L.A. / A Guess At The Riddle

Text: Peter Abs

Bitte um Nachsicht, wenn statt einer Exposition gleich Korken knallen. Allein die Singles-Sammlung ist Anlass genug. Thomas Groetz macht in den Liner Notes einen denkbar guten Job, was Bandhistorie und Vertiefung in den thematischen Orbit dieser 22 Lieder aus 1970-2002 betrifft; ich will das gar nicht nachbeten. Nur soviel: Red Krayola mit Nukleus Mayo Thompson setzen seit über 35 Jahren in variierender Besetzung unterschiedlichste Musik in die Welt, deren Nenner vielleicht die Perspektive »teilnehmender Beobachtung« ist. Thompson, Texaner, Marx-Kenner und in den 80ern sporadischer SPEX-Autor, kann nämlich einen Song singen und ihn simultan semiotisch durchleuchten. Drogen seiner Wahl seien »Wortspiele, merkwürdige Rhythmen und melodische Dehnungen«, hat er mal berichtet. Was dabei den Idiomen von »Strophe« oder »Riff« förmlich aus dem Kreuz geleiert wird, mit kühnen Biegungen von Melodie und Metrik, ist schon besonders. Auf ein frühes Instrumental folgen zwei tolle Folkrock-Nummern der kurzlebigen Saddlesore. Dann Sprung nach London. Eine 7-Inch von 76 und vier umwerfende A- und B-Seiten aus der Phase, als die Band mit Lora Logic, Gina Birch und Epic Soundtracks eine Rough Trade-Supergroup war. Von da ab in die 90er, mit 45ern für Leiterwagen und Drag City. Konstant dabei ist Albert Oehlen, ansonsten ein illustres Kommen und Gehen. Jede Single ist dankenswerterweise im Booklet von vorn und hinten abgebildet, was dringend sein musste, weil die Hüllen bei Red Krayola noch mal eine eigene, extraordinäre Angelegenheit sind.
    »Japan in Paris in L.A.« ist ihr Soundtrack zum gleichnamigen Film (von '96) der Kalifornier Bruce & Norman Yonemoto, welcher von der Begegnung des japanischen Malers Saeki Yuzo mit dem Fauvisten Maurice de Vlaminck im Paris der 20er erzählt. Zehn bis auf eine Ausnahme instrumental realisierte Kompositionen von einer gewissen Skizzenhaftigkeit, in der sich die Musik als gleichermaßen Eigenständiges und Hinzugefügtes präsentiert. Ein Stimmungszusammenhang mit den dramaturgischen Vorgaben scheint nicht ausdrücklich vermieden zu werden. So ist z.B. der »Trip to Paris« eine wirrlaufende, robotische Synthiesequenz oder das Titelstück – geschrieben von David Grubbs – eine Akkordfolge für Piano, die so klingt wie der Rohbau zu einer 70er-L.A.-Singer/Songwriter-Ballade. Am Ende, wenn »Death Of A Painter« mit zehn Sekunden stolperndem Ersatz-Techno schließt, will man den Film sehen, die CD wiederhören, um en passant Japan, Paris und L.A. einen weiteren Ort hinzuzufügen.
    Was Grubbs' Pianostücke für den Soundtrack andeuten, kommt auf »A Guess At The Riddle« ganz zur Geltung: Die Atmosphäre von Willkommen in einer durch Knacks und Krise geschlagenen Schneise von Zuversicht bis Euphorie. Mit mutmachenden Rocksongs wie dem Opener – ein Lied übers Desertieren. Oder angenehm zentrumslose, zerbröselte Balladen und konzentrierte, auch mal ausbrechende Instrumentals. Vieles wäre noch zu sagen: Red Krayola-Cover, Mitwirkung von u.a. Matmos und Rick Moody (»Ice Storm«-Autor), Bresson-Geschichten, 50er Jahre-Photographien, … nehmt gleich das ganze Paket zur Feier der »staying and slaying power of beauty«.

LABEL: Drag City / Fat Cat

VERTRIEB: NTT / Indigo / Hausmusik

VÖ: 28.06.2004

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