Cocorosie / Joanna Newsom / Juana Molina

Text von Uwe Viehmann
am 19. Juli 2004

Dem allmonatlichen Platzmangel ist die Idee geschuldet, drei Platten zusammen zu fassen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber dennoch drei Gemeinsamkeiten aufweisen: 01. Es handelt sich um ausschließlich von Frauenhand komponierte Musik, die ihre Wurzeln jeweils im weiten Feld des Singer/Songwriting hat. 02. Alle Platten erscheinen auf drei legendären, unverzichtbaren, irgendwie mit Indie assoziierten Labels erster Güte. 03. Hab ich vergessen.

    CocoRosie: Zwei Schwestern aus Paris, Coco und Rosie, in Wirklichkeit Bianca und Sierra Casady, leben sich um Kopf und Kragen und haben eine Platte erschaffen, die ungeduldig auf Basisakkorden aus der Akustischen einen Geräuschereigen produziert, der zwischen all dem Kaffeemühlenquietschen, Schlierengeräuschen und KinderCocoCasioKeyboards doch alles eher einfach hält, sehr basic auch in der Produktion. Es ist der Charme der Idee, des Zusammenfügens der richtigen Fragmente des Unvollkommenen, aus dem sich die wirklich umwerfende Schönheit dieser Platte generiert. Sierra sang an der Oper, mochte aber den Popanz nicht so sehr, Bianca erinnert sich immer wieder daran zurück und sorgt dafür, dass die Songs und Sounds ein ums andere Mal in ein magisches Dunkel gezogen werden, das wenig mit Melancholie zu tun hat und eher klingt wie ein Regenbogen ganz kurz vor Sonnenuntergang ? wie im wirklich erschütternd großartigen »Good Friday«. Und manchmal gar haben sie den Südstaaten-Blues, wie in »Jesus Loves Me«, und hier kommt sie ins Spiel …
    Joanna Newsom: Von Will Oldham quasi entdeckt und als Toursupport verpflichtet, spielte sie bereits mit dem tollen Devendra Davenport oder unser aller Sorgenkönigin Cat Power in den guten Stuben Amerikas. Dort, wo unter Liebhabern schon seit geraumer Zeit ihre Tapes und MP3s kursieren, mit einer sehr minimalen Singer/Songwriter-Ausrüstung, was den Aufbau betrifft (mit Gitarre, Harfe, Klavier), aber eben einem großen Talent für Songs und einer Stimme, die dir ? einmal mit ihr angefreundet – den Atem rauben kann. Wattegleiche Songs, auf manchen Bildern ein Aussehen wie Cate Blanchett in Herr der Ringe und einer Stimme – das ist nicht böse gemeint – wie Björk im Duett mit Macaulay Culkin an ihrem ersten Schultag. Vom Rückenmark direkt ins Herz. Ein Umweg, den sie sich spart:

    Juana Molina. »Segundo« ist eigentlich bereits 2003 erschienen und ihr zweites Album – das erste, welches außerhalb ihrer Heimat Argentinien veröffentlicht wird. Ausgehend von mit akustischer Gitarre begleiteten Stücken in spanischer Sprache, schafft sich Molina ihren eigenen Raum voller Sounds in dezenten Beats aus einer Zwischenwelt ganz ähnlich der von CocoRosie. Nur wesentlich fließender, unauffälliger produziert. Alles hat hier seinen Platz. Alles schwirrt, flirrt – und Digitales webt sich wohlig in den warmen Akustiksound ein. Nur wenige Kontrapunkte werden gesetzt, meist reicht eine beiläufige Änderung der Melodieführung, und das Glück scheint perfekt. Ein scheinbar endloser Loop vollkommener Schönheit ist diese Platte.

    Ach so, die dritte Gemeinsamkeit: Kaufen muss man sie alle.

LABEL: Touch And Go / Drag City / Domino Recording Co

VERTRIEB: Cargo / Rough Trade Distribution

VÖ: 05.04.2004

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