PJ Harvey
Uh Huh Her
Text: Peter Abs
Das Polaroid auf dem Cover sieht nach folgendem Wortwechsel aus:
PJH: »Es reicht, du steigst jetzt aus.«
X: »Hier? In der Wüste?«
Klappe, Türe zu, und weitere Bemerkungen von Figur Unbekannt erübrigen sich. PJ Harvey nimmt sie im Albumtitel vorweg. »Uh Huh Her«. Selbstbezug auf ein Berüchtigtsein, aber wofür denn? Wer sich an einen der Clips zum letzten Album »Stories From The City, Stories From The Sea« erinnert, hat diese »Her« vor Augen, wie sie euphorisiert und herausfordernd über die Straße geht und tanzt, mit diesem »Keiner kann mir was«-Blick und der Lasso-Handtasche. Dagegen wirkt die neue Platte eigenartig demoliert, traumatisiert, wie ein unfreiwilliger Rückzug, aber auch wie bewusste Abkehr. »Du hast ein Schandmaul, Baby«, rügt PJ Harvey einen gewissen Mr. Badmouth im Opener. Er sei gewarnt.
Die Musik, so karg, rissig, skizzenhaft, angespannt und angeschlagen sie zunächst klingt, funkt eine geheime Energie aus dem Off, beziehungsweise fuckt sie. »I´m not trying to cause a fuzz - I just wanna make my own fuckoffs« ist eine nicht unbedingt untypische Zeile für das Album. Über defätistische Schlieren im Gemüt soll sich nach dem ersten Anhören niemand wundern, die verschwinden schon. Manchmal scheint ein Demoband zu laufen, ein anderes Mal denkt man, dass »Uh Huh Her« mit Rock & Roll und Folk-Resten das macht, was Will Oldham mit Country anstellt. Vielleicht auch nur, weil die Stimmung in der Akustikballade »The Desperate Kingdom Of Love« so sehr an Bonnie Prince Billy erinnert. Überhaupt desperate: Blues spielt eine Rolle, hier wird daraus London Inner City Blues mit Gruß an noch ein Schandmaul, wenn sie Vincent Gallo das kurze Instrumental »The End« widmet.
Vor allem vor dem Hintergrund ihrer Popularität in England hat diese Platte eine nicht zu unterschätzende Radikalität der Nichterfüllung von Pop-Imperativen. Sie knallt nicht, sie strahlt nicht, sie pflanzt keine Melodie ins Hirn, sie ist nicht offensiv. Stattdessen kommt sie als langsame Erschütterung, nagt, zehrt, verweigert Plötzlichkeit. Lass sie wirken wie die »Slow Drug«, von der PJ Harvey singt. Oder lass es sein, das wäre einfach. Aber hier geht es auch um das Gefühl von Zerwürfnis mit dem Jetzt. Mit seinen Tatschen, seiner Politik, seiner Ästhetik, seiner Ideologie. Also was? Interessiert?
LABEL: Island
VERTRIEB: Universal Music
VÖ: 01.06.2004

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