Mediengruppe Telekommander
Die ganze Kraft einer Kultur
Text: Lars Brinkmann
TA: Feuer und Flamme für die Mediengruppe Telekommander. Unvergessen ihre hübschen Zeilen wie: »(Doch) Dein Auftritt ist ne 5 minus/mit deiner Gucci-Muschi und deinem Prada-Gelaber Blah-Blah (...) Als Winke-Winke-Manager machst du auf Headspin in der High Potential-Liga.«
Damit konnte die Mediengruppe dem »Camouflage-Yuppie« bereits vor Jahren den einen oder anderen flotten »Telekommander« auf den Ferrari taggen. Ja, so besorgt man es dem durchschnittlichen Maharishi-Käufer, der immer bereit ist, für das neueste Tarn-Höschen 400 Flöhe springen zu lassen, von den Käuferinnen mal ganz zu schweigen, bei denen die Schmerzgrenze erfahrungsgemäß in Learjet-Höhe (f)liegt. Aber das ist nun der Schnee von gestern, denn via Debütalbum legt die Mediengruppe nach und schlägt dabei mit frischen Parolen in dieselbe Kerbe: »Gib mir ein T-Shirt/mit Andreas Baader drauf/und einen Catwalk/für den Tagtraum-Dauerlauf/Komm hol auch du dir/preisgünstig Revolution/mit ein, zwei Freibier/und Che Guevara-Kondom ...«
Wir sind uns nicht ganz sicher und, ganz ehrlich gesagt, zu faul, es sorgfältiger zu recherchieren, aber wenn die Mediengruppe Telekommander nicht die einzige deutschsprachige Band neben den Neubauten auf Mute ist, dann ist sie zumindest die beste. Ihr Rezept ist einfach: nervöses, schrundiges Experimentierkasten-Geschrammel mit brüchigem, angestrengtem ähhh, ... tja, wollen wir es wirklich Gesang nennen? Egal, das klingt, als würden die wortmächtigen »Sänger« zwischendurch an 9V-Batterien lutschen und auch sonst ganz gut unter Strom stehen. Der eine heißt Florian, spielt nebenbei Gitarre und kommt vom Fach. Er hat Psychologie studiert und unter anderem als »Konzepter« in einer Internet-Agentur gejobbt, kennt also seine Feindbilder bis in die dunkelsten Winkel ihrer von Radical Chic und Sushi-Sozialismus bestimmten Gemüter. Der andere Medienkommandante ist in Salzburg aufgewachsen, heißt Gerald und spielt nebenbei Bass (ja, auch er hat mal etwas Hippes wie Kommunikations- und Literaturwissenschaften studiert).
Seit zwei Jahren arbeitet das Berlin/Wien-Duo in enger Tätergemeinschaft mit dem Hamburger Produzenten Christian Harder (aka KidQ aka Kandisquer). Als Nächstes müssen sie sich nur noch die quengeligen NDW-Dämonen austreiben, und dann könnte der Nachfolger von »Die ganze Kraft einer Kultur« zu einer ähnlichen Initialzündung werden wie Atari Teenage Riots »Delete Yourself!« – ach, was rede ich, »Never Mind The Bollocks«.
LABEL: Mute Records / Labels
VERTRIEB: EMI
VÖ: 24.05.2004

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