Kanye West The College Dropout

Hip Hop '04 begann unruhig: Rückbesinnung zur Oldschool nach Toden in der Community, Jay-Zs letzter Satz »HipHop is corny today«, die öffentliche Ausgrabung rassistischer Demos des jungen Eminems und ästhetische Regressionen zwischen Lil' Jons Crunk und 50 Cents Unit. Wer da nicht auf die Nebenschauplätze Anticons, Aesops oder Madlibs ausweichte, kam zwischen nerdigen Kravitz-Klampfen und perfekt austarierten Usher-Pieces möglicherweise zum Fazit, dass es das jetzt wohl erstmal alles gewesen sei. Womit man nicht falscher liegen könnte.
    Wenn US-HipHop heute durchschaubarer wirkt, als er ist, liegt das vielleicht eher an zu wenig reflexivem Mithalten, zu viel räumlicher Distanz und Diskursen, die mittlerweile kaum noch adäquate Begriffe mehr für die sprachlastigste Musik der Gegenwart finden. Vielleicht muss man noch mal, um das Jetzt zu denken, von vorne anfangen und alles neu erzählen.
    Das und viel mehr schießt mir bei Kanye Wests Kunst durch den Kopf, dessen unerhört eigener Entwurf auf der Höhe der Rapperskala mich aus dem Staunen, Arschwackeln, Abstylen und Tränen vergießen kaum mehr heraus lässt. Seine Biographie des jahrelangen Rapperseinwollens und irgendwann Producerwerdens wird just zur Legende: Hits für Jay-Z, Ludacris, Alicia Keys, Kweli, Madonna, Britney und jüngst die Dilated Peoples hat er gezaubert, doch wurde er als MC von Label zu Label gereicht, um immer wieder abgelehnt zu werden. Als er Oktober '02 bei einem Autounfall fast sein Leben verlor und seinen dreifach gebrochenen Kiefer durch Drähte zusammenflicken ließ, stand die Karriere auf Messers Schneide.
    Doch Kanye wäre nicht West, wenn ein so religiöser wie selbstironischer Disco-Track aus dem Unerklärlichen Geschichte machen würde: »I turned Tragedy to Triumph« heißt es im Hit »Through The Wire«, bevor die hochgepitchte Chaka Khan den Hook zu singen beginnt und wir schon der Success Story des Songs lauschen dürfen, als wäre der spätere kommerzielle Erfolg schon vor der Veröffentlichung eingetreten. Das Erinnerte schreibt das Gegenwärtige bei Kanye wie selbstverständlich mit: variantenreiches Sampling populärer Soul- und Funkclassics ist eine Essenz seiner Stücke. Luther Vandross, Aretha Franklin und Marvin Gaye singen und sprechen inbrünstig mit, als würde der kleine Kanye im College vorm Radio sitzen und zu den Strophen freestylen. Durch diese Dopplung der Narrationen verdichtet sich der Songkörper – und es fließen kollektivistisches Sprechen (Soul, Gospel) und MC-Ich-Erzählung (Rap) zusammen. So strahlt das Gemeinsame durchs Persönliche, welches West in eine atemberaubende Vielfalt von so griffigen wie kreativen Styles verpackt, die definitiv jeden anderen Producer on the mic da draußen einpacken lassen.
    Aus dieser Summe entsteht mit »The College Dropout« ein vielfach gebrochenes, tragikomisches Konzeptalbum, welches mit Kanyes Entscheidung, die Kunstschule ohne Abschluss zu verlassen, ein Trauma herauf beschwört, von dem er sich in klamaukigen Skits und pathetischen Epen für den eigenen Weg emanzipiert. Die Therapie in Form großer Black Music löst diverse Gegensätze dabei gleich mit auf, seine Selbsteinschätzung »First Rapper with a Benz and a Backpack« ist absolut wörtlich zu nehmen: Der Akademikersohn ist auf Roc-A-Fella gesignt und klingt deeper als der halbe Rawkus-Katalog, auf der größten Ballade treffen sich Jay-Z und Saul Williams, auf dem derbsten Banger Mos Def und Freeway. Daneben erscheinen Kirchenchöre, Live-Instrumentierung, 3/4-Takt-Arrangements, Ludacris, Common, Twista, Kweli und andere, bevor ein zwölfminütiger Abschlusstrack in diesem dicken Erzählband wieder zur Urform des Gespräches zurückkehrt: Nach drei Strophen reimt Kanye nicht mehr, sondern beginnt schließlich damit, in Smalltalkform seine Erfolgsgeschichte noch einmal zu erzählen – damit man danach mit dem Genuss des besten Rap-Albums seit Urzeiten gleich wieder von vorne anfangen kann.

LABEL: Roc-A-Fella

VERTRIEB: Def Jam / Universal

VÖ: 24.05.2004

abo_neu

SPITZENABO & SPITZENPRÄMIEN

ZUM SHOP
spex_no369_final_cover_240_kiosk

VERSANDKOSTENFREI: DIE NEUE
SPEX &
BACK ISSUES
IM ONLINESHOP

ZUM SHOP
ZUM SHOP

SPEX präsentiert: [PIAS] Nite mit Bohren & Der Club Of Gore

Bohren & Der Club Of Gore live in einer Kirche, noch dazu im November: Der Herbst kann kommen. SPEX präsentiert die [PIAS] Nite in Berlin.

Die Antwoord: Neues Album, neuer Deutschlandtermin / Ticketverlosung

Zef-Style in Gelsenkirchen: Die Antwoord kommen mit ihrem vierten Album nach Deutschland, SPEX hat die Tickets.

Family 5 »Was zählt« / Review

Immer wieder genial, Peter Heins romantische Durchhalteparolen!

Pet Shop Boys live – Royal Opera House Music

30 Jahre sind seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums Please vergangen. Wurden die Bitten der Pet Shop Boys endlich erhört? Sie bekamen das Londoner Royal Opera House als Spielwiese für vier Greatest-Hits-Shows.

SPEX präsentiert A L’Arme! Festival / Ticketverlosung

Das A L’Arme Festival bietet vier Tage voller experimenteller Sounds und ist dieses Jahr sowohl im Berliner Berghain als auch im Radialsystem V beheimatet. SPEX verlost Tickets.

Gegenkultur, versammle dich! »Decoder«-Filmvorführung im Acud Studio mit Klaus Maeck

Eine illustre Auswahl an Underground-Ikonen, gute Musik und ein auf William S. Burroughs‘ Ideen beruhendes Drehbuch: Der Low-Budget-Klassiker Decoder ist es wert, wiederentdeckt zu werden. Möglich ist das im Acud Studio.

»Wir imitieren nicht, wir erschaffen« – Idris Ackamoor im Interview

Idris Ackamoor (links im Bild) auf der Bühne Auf ihren Konzerten macht sich die Band The Pyramids erst mit dem Publikum bekannt, bevor sie die Bühne betritt. Der Gemeinschaftsgedanke…

Lebenslänglich Journalismus – Çiğdem Akyol über den Kampf um die Pressefreiheit in der Türkei

Wer in der Türkei dieser Tage von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen will, kann seine Freiheit schnell wieder los sein. Çiğdem Akyol lebt als Journalistin in Istanbul und hat von dort aus auch über den Putschversuch am 15. Juli berichtet. In der aktuellen Printausgabe SPEX N° 369 schrieb sie über den Kampf für und gegen die Pressefreiheit in der Türkei. Aus gegebenem Anlass ist der Text nun in voller Länge online zu lesen.

Von Schönheit und Schnelligkeit: SPEX präsentiert Lubomyr Melnyk auf Tour

Der ukrainisch-kanadische Pianist Lubomyr Melnyk produziert Klänge, die die Minimal Music der Moderne mit Klassik verbinden. Erst in jüngster Zeit erfuhr er in Europa größere Aufmerksamkeit. Im Dezember kommt Melnyk für fünf Termine nach Deutschland.

»Censored Voices« – Filmfeature zum Kinostart

Feedbackschleifen der Geschichte: In der Doku der israelischen Regisseurin Mor Loushy hören ehemalige Soldaten die fast 50 Jahre lang zensierten Aufnahmen ihrer eigenen Erlebnisse im Sechstagekrieg 1967.

Eher kein Glitzer: Krake Festival in Berlin / Ticketverlosung

Das Krake Festival hat auch in diesem Jahr wieder überzeugende Programmpunkte für Freunde innovativer elektronischer Musik zu bieten. Es werden Synthesizer selbst gebaut, die Geschichte der wohl ersten Bootlegs vorgestellt sowie – natürlich – getanzt.

Rückblende in Bildern: Pixies auf der Zitadelle

30 Songs, null Kommentare: Die Pixies, wie sagt man, haben gestern ihr Ding durchgezogen. SPEX-Fotograf Nils Witte war beim einzigen Deutschlandkonzert im Vorfeld des neuen Albums Head Carrier auf der Zitadelle Spandau dabei.