Morrissey

You Are The Quarry

Text: Mario Lasar

Wenn der größte Held ein neues Album veröffentlicht, ist das nun mal das Ereignis des Jahres - erst recht vor dem Hintergrund, dass man sieben Jahre darauf warten musste. Umso schöner, die investierte Hoffnung von der Qualität des Albums eingelöst zu sehen.
    Es fällt dabei schwer zu sagen, worin genau die Qualität besteht. Die Musik wirkt zunächst beiläufig und unerheblich. Was es hier zu feiern gibt, ist ein Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung nicht von ihrem Autor losgelöst werden kann. Es ist die Person Morrissey mitsamt all ihrer Widersprüche und Gebrochenheit, die das, was sich auf der Platte niederschlägt, adelt. Immer wieder geht es um ein Verlangen, das keinen Adressaten findet, wobei der Protagonist sich stets als passives Opfer stilisiert. Hier von Stilisierung zu sprechen, kontrastiert allerdings damit, dass Morrissey trotz aller Theatralik zusehends identischer mit seinen Texten wird. Dieses Mehr an Unmittelbarkeit ist ein Resultat der Abwesenheit formaler Ausschmückung und literarischer Referenzen, wie es sie 1994 noch in »Now My Heart Is Full« gab, das auf Graham Greenes »Brighton Rock« rekurrierte. Die Abwendung von jedweder Fiktionalisierung vollzog sich bereits in dem Stück »Reader Meet Author« von 1995, in dem der Vorwurf erhoben wird, Autoren wären zu sehr von ihren Sujets entrückt, um sie zu verstehen. Als logische Konsequenz dessen ergibt sich nun die Hinwendung zu maximaler Selbstreflexion, denn »the only one around here who is me is me« (aus »How Can Anybody Possibly Know How I Feel?«). Der Genuss daran ist weniger voyeuristisch als dergestalt, dass man sich an Komparativen ergötzt: Morrissey ist verkorkster und komplizierter als man selbst. Dem Sänger wird die Rolle des stellvertretend Leidenden zugeschrieben. Es ist dabei gerade die ungeschönte Entblößung des Innenlebens, die ihn glaubhaft macht, was sehr schön in »I´m Not Sorry« zu hören ist.
    Die größte emotionale Entäußerung des Ichs findet in »I Like You« statt, dem besten Stück der Platte. Hier wird die Grenze zwischen erster und zweiter Person nicht nur auf grammatikalischer Ebene überwunden. Plötzlich merkt man, was für ein schöner, intimer Satz dieser Titel ist. Ein Hit, der nur repräsentativ für einige tolle Songs erwähnt sei, die den ersten schalen Eindruck entkräften. Eine der Platten des Jahres. Weil sie Lebenswidersprüche in sich vereint. Weil alle anderen Vertreter des Pop überhaupt keine Aussagen mehr machen, an die man noch irgendeinen Gedanken verschwenden müsste. Weil Morrissey der letzte Popstar ist, im altmodisch-emphatischen Sinne.

LABEL: Attack

VERTRIEB: Sanctuary

VÖ: 17.05.2004

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