Niels Frevert

Seltsam öffne mich

Text: Felix Bayer

Engelchen und Teufelchen unterhalten sich über die neue Platte von Niels Frevert.

Engelchen: Guck mal, eine neue Platte von Niels Frevert.
Teufelchen: War das nicht der von der Nationalgalerie? Über die es immer hieß: Immerhin besser als Selig?
E: Gemein. Dabei war »Du Musst Zuhause Sein« vom ersten Soloalbum echt schön.
T: Und wie lang ist das her? Sechs Jahre? Was hat der denn in der Zwischenzeit gemacht?
E: Zum Beispiel für andere Leute Songs geschrieben.
T: Und für wen?
E: Ähm, Heinz-Rudolf Kunze, Dieter Thomas Kuhn, Marlon.
T: Oweia.
E: Na ja, Geld verdienen halt. Wollen wir mal die Platte hören?
T: Wie die schon heißt! Wortspielhölle. Egal, mach´ mal an.

T: Oh Mann, die Stimme! So ein richtiges Deutschrockgenuschel.
E: Ich finde das gut. Haben nicht alle deutschen Sänger englischsprachige Vorbilder? Und die nuscheln ja auch oft. Niels Frevert versucht das eben mit der deutschen Sprache genauso zu machen.
T: Aber das war ja immer das Schlimme am Deutschrock. Dass die glaubten, sie wären Mick Jagger. Und dabei so Lehrer waren mit Rockhobby, Schnauzbartband und schwitziger Poesie.
E: Aber Frevert ist wohlrasiert und kein Lehrer. Und die Art, wie er singt, ist wenigstens wiedererkennbar.
T: Aber du hast die Poesie vergessen. »Im Sommergewitter ein Blitzmerker«.
E: »eine Ewigkeit scheint so lange wie eine Einwegfeuerzeugstichflamme«, das ist doch ganz schön.
T: Dafür ist »in einem Kleid nur aus Dunkelheit, einer Mütze auf die ohne Schlaf ist« ganz schlimm.
E: »Ich wäre längst wohlhabend, wenn es Pfand gäbe auf leere Versprechungen«, ist doch gut gesagt.
T: »Wir haben Fernweh, volle Kraft voraus auf die hohe See« – Seemannsmetaphern sind ja das Übel schlechthin, und gleich danach kommen die Ratten und das sinkende Schiff.
E: Aber er macht doch auch genaue Alltagsbeobachtungen, so was wie »mit Snickersresten zwischen den Zähnen«.
T: Einen hab´ ich noch: »das Geräusch erinnert mich vom Sound her an Bob, den Tätowierer«. Das geht doch nicht.

E: Und die Musik? Beim Titellied die Gitarre, die klingt doch nach frühen Blumfeld, die magst du doch.
T: Ich mag gar nichts. Und so blöde Halbblues-Gitarren mit Drummachine-Klatschen wie auf »Gemeinsame Sache« schon gleich überhaupt nicht.
E: Aber hör´ doch nur, wie der Bass schwingt in »Einwegfeuerzeugstichflamme« – wunderschön!
T: Hmm, auch ein blinder Mucker findet mal ein Korn, um mal als Deutschrockkritiker zu sprechen.

E: Du gehst mir auf die Nerven. Ich höre die Platte jetzt noch mal.
T: Pfff, dann gehe ich halt.

LABEL: Tapete Records

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 29.09.2003

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