Matmos

The Civil War

Text:

Herbst 2002: Matmos sprechen im BUTT-Magazin über die Arbeit an ihrem vierten Album, das sich damals noch in seinen Grundzügen befindet. Es ist das mittlerweile zehnte Jahr, das Drew Daniel und Martin Schmidt als gefragtes Produzentenduo für elektronische Musik, als auch als Paar miteinander teilen. Ein Interview-Auszug:

DD: »This record is the argument record. We´re arguing more than we…«
MS: »You stupid pig-mother-fucker!«
DD: »We´re arguing more than we ever have, you selfish bitch.(…)«
MS: »We have a song that´s entirely hurdy-gurdy (Leierkasten), oboe and violin.(…)«
DD: »The worry is that we´re going to produce some kind of Riverdance atrocity.«

    Ein Jahr später. Platte fertig. Die Musik: eine Anhäufung von Zitaten aus längst vergangenen Epochen – Militärmusik des 19. Jahrhunderts, mittelalterliche Folklore, englischer/irischer Dudelsack-Folk, Country, Western und weiß der Teufel was. Das alles eingespielt, durch den Computer-Fleischwolf gedreht und hier und da durch ein wenig elektronischen Schnickschnack angereichert, ergibt ein faszinierendes Knäuel Musik. Und ein großes Fragezeichen. Wozu das alles?Auf dem Booklet-Heftchen zur CD ist das Plagiat eines mittelalterlichen Holzschnittes abgebildet. Darauf: Zwei junge Prinzen, die sich mit hasserfüllten Blicken in die Augen sehen. Beide haben Stricke um den Hals, deren Enden sich jeweils in den Händen des anderen befinden. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn einer zuzieht. Liebe/Hass, Einheit/Unabhängigkeit: Die Abbildung scheint als bindendes Glied zwischen dem von Matmos im Nachhinein als Koordinate für Musik und Artwork gewählten amerikanischen Sezessionskrieg (man erinnere sich: Union vs. Nord gegen Süd) und Daniel/Schmidt selbst als kreativem Duo/Paar zu funktionieren. Es scheint zu betonen, wie sehr der Haufen Geschichte, den die Platte auftürmt, letztlich doch nur im Dienste der Musik als Ausdrucksform steht – althergebrachtes Sampling also, nur dass musikgeschichtlich weiter zurückgegriffen wird als gewöhnlich (und daher stärker analog, mit Notenblättern und Fagotten gearbeitet wird). Das kann man genial und spannend finden oder nervig und dämlich, das Album ist jedoch so liebevoll gearbeitet, so humorvoll und vielschichtig, dass ich klar zu Ersterem tendiere.

LABEL: Matador

VERTRIEB: Beggars Group / Zomba

VÖ: 23.01.2009

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