Daniel Johnston
Fear Yourself
Text: Mario Lasar
Ein weiteres Mal wirft eine Daniel-Johnston-Platte die Frage auf, warum man Sängern, die nicht singen können, mehr glaubt als den größten Virtuosen. Die Antwort könnte partiell darin liegen, dass Daniels kaum stilisierte Art zu singen und Songs zu schreiben jede Distanz abbaut. Und so ist auch die Sprache, die hier benutzt wird, eine in der Regel auf grundlegende Formulierungen reduzierte, ohne dabei je phrasenhaft zu erscheinen. Natürlich geht es wie eigentlich immer bei ihm um (idealisierte) Liebe, oft unerwiderte oder vergangene, doch werden die Texte selten resignativ, obwohl es hier vielleicht mehr Fälle davon gibt als auf anderen Johnston-Platten.
»Love Enchanted« ist so ein Beispiel schmerzhaft unmittelbar erzählten Fatalismus, dessen unterschwellige Todessehnsucht durch die mit viel Hall unterlegte Aufnahme um so jenseitiger anmutet. Die Abwesenheit von Liebe findet ihren verstörendsten Ausdruck in »Forever«, bei dem mir nicht ganz klar ist, ob es um Verlust in Form von Tod oder Trennung geht, auf jeden Fall ein super aufwühlender Song, der einen nicht in Ruhe lässt. Trotz der erwähnten Direktheit hat man nie das Gefühl, mit einer Art von Privatheit konfrontiert zu werden, die einen zum Voyeur macht. Dies mag seine Ursache darin haben, dass selbst Johnstons traurigste Songs eher universal denn als persönliches Einzelschicksal wahrgenommen werden. Außerdem scheint Verzweiflung hier stets eingebettet zu sein in ein Netz unerschütterlicher Hoffnung, das die Negativität katalysiert. Obwohl Johnstons Arglosigeit nicht mehr ganz ungebrochen ist, bietet sie dennoch den besten Nährboden für Enttäuschungen. Dann muss man sich wieder ans Klavier setzen und Stücke singen wie »You Hurt Me«.
Mark Linkous von Sparklehorse hat als Produzent und Arrangeur dieses Albums Daniel Johnstons melodisch selten zugespitztere Songs perfekt in Szene gesetzt, ohne sie ihres intimen Charmes zu berauben. Im Mittelpunkt steht wie seit jeher das Klavier, aber darum herum errichtet sich eine fast schon symphonische Qualität, die vor allem der Anwesenheit eines Mellotrons geschuldet ist, das in seiner Wirkung ein ganzes Orchester ersetzt. Manchmal singt Daniel inmitten der um ihn herum aufgebauten Kulisse der Musik um Sekundenbruchteile hinterher, weil die Metrik nicht mehr richtig hinhaut. Darin zeigt sich einmal mehr, dass die Wahrung der Form nichts ist, was diesen am wenigsten künstlichen aller Künstler interessiert. Und wie Recht er damit hat.
LABEL: Sketchbook
VERTRIEB: Sketchbook
VÖ: 21.01.2003

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