Cat Power

You Are Free

Text: Doris Achelwilm

Da liegt sie: im CD-Player, rotiert und gibt Töne von sich, seit Tagen schon. Morgen ist die Besprechung fällig, ein paar Wochen noch, und man kann »You Are Free« kaufen. Was daran bemerkenswert ist? Nichts weiter. Alles so, wie es halt sein soll, abgesehen von der Kleinigkeit, dass diese Platte gar nicht »fertig« zu sein scheint. Es ist zum Verzweifeln. Misst man Cat Power an ihren eigenen Maßstäben, hat(te) vor allem »What would the community think« mehr. Mehr Unterdruck, mehr Kohärenz, eine intuitive Spannung, die »You Are Free« sucht, aber nicht finden kann. Irgendwas steht im Weg, vielleicht sind es die ungewohnten Begleitinstrumente: Klaviere und Streicher, die okay wären, wenn sie nur großspurig oder präziser, weniger wie verlegene Füllsel klingen würden.

    Ähnlich mäßig kommt die Zweiteilung von »You Are Free« bei mir an: Während die ersten sieben, acht Stücke mit halber oder zu viel Kraft etwas Neues versuchen (Optimismus, den Großen Rocksong, musikalische Vielfalt, Pearl Jams Eddie Vedder in einer Gastrolle), zieht sich die zweite Hälfte der Platte leise zurück. Und Chan Marshall erzählt wieder, was man bereits von ihr kennt. Singt, dass sie immer noch die Traurigste unter uns ist, Lied für Lied. Das muss sie, es geht nicht anders. Das einzig Störende daran: Auf »Moon Pix« z.B. kam mir ihre Ausdrucksweise direkter, treffender vor, nicht so weich. Zudem klingt der hintere Teil von »You are free« im Vergleich zum ersten, als wäre er bloß ein hübscher Anhang oder Bonus (mit Bill Callahan in einer Gastrolle).»You are free« ist schwierig, vieles passt nicht. Neben unfreiwilligen Asymmetrien tauchen platte Textzeilen auf (»Everybody come together/Free!/Everybody get together/Free!«), es fehlt das Organische, das Cat Powers Musik sonst wie selbstverständlich an sich hat. Man ist versucht, ordentliche Produzenten oder eine Schicht bindenden Staubs einzufordern und kurz davor, frustriert zu sein. Also Schlusswort drunter und auf bessere Zeiten warten?

    So war es gedacht, hingeschrieben sieht diese Enttäuschung plötzlich falsch und daneben aus. Und ein Gedanke später liegt sogar nahe, warum: a) Diese Platte ist offenbar nicht dazu da, große Erwartungen, Perfektionswünsche zu erfüllen. Jedenfalls nicht mehr. Chan Marshall mag es versucht haben. Mit »You are free« legt sie jedoch kein geerdetes Edel-Resultat vor, sondern den Versuch selber. Diese Entscheidung, wie »bewusst« sie auch immer getroffen wurde, ändert nichts an gewissen Schieflagen, lässt das Ganze jedoch anders bewerten: als etwas Vorläufiges, das sich preisgibt. Work in progress. b) »You are free« birgt mindestens zwei Lieder, dessen verspielte Macken nebensächlich werden, da sie einem mit großer, unverzagt melodiöser Geste die Hand reichen: »Speak for me« und »He war«, beide ergreifend, filmreif. Hatte ich bei allem Unbehagen fast vergessen, nicht gut. c) Der You-are-free-Appell, so anstrengend er mitunter erscheint, zeigt, dass Cat Power inzwischen etwas will, was über Selbstreferenz hinausgeht: Mut, Zuspruch, Gehört-werden, für sich, für andere. Und vor allem zeigt er, wie schwierig es ist, diesen Willen zu formulieren, ohne dass es billig, beliebig oder sentimental wirkt.

    Es ist zum Verzweifeln, sie hat einfach Recht.

LABEL: Matador

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 17.02.2003

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->