The Cinematic Orchstra
Everyday
Text: Hias Wrba
Jason Swinscoe ist Paulchen Kuhn oder zumindest ist er nah dran. Erneut begibt sich das kinematische Orchester unter seiner Leitung in das Grenzgebiet zwischen Soundtrack und Popalbum. Diesmal stehen sie klar näher bei Schifrin als bei Morricone. Jazzige Arrangements, die mit viel Ruhe aufgebaut und mit kleinen elektronischen Einschüben versetzt sind, schaffen eine entspannte, dichte Atmosphäre. Kino ist die Kunst der bewegten Bilder und Swinscoe beschwört folgerichtig die Kunst der bewegten Musik.
Die akustischen Bässe, die mit Red Snapper ein paar andere Engländer ins Gedächtnis rufen, rollen mal gemächlich, mal dynamisch am Hörer vorbei. Wachsweiche Bläsersätze schweben über organischen, warmen Zeitlupenbeats und irgendwo klimpert eine Orgel. Nur angenehm selten verliert sich die Musik in der Form von unverbindlichem Geplänkel, mit dem so viele Acidjazzer in den letzten Jahren ihr Publikum gequält haben. Stattdessen wird auf repetitive Patterns gesetzt, die das Orchester eher in der geistigen Nähe der ein oder anderen Chicagoer Postrocker verorten. Hübsch verschwurbelt ist das alles und als Grundlage nicht schlecht, richtig gut wird die Platte aber dank der zwei Gastauftritte.
Da ist zum einen Roots Manuva, der auf »All things to all men« mit dem ihm eigenen Nachdruck weise Worte spricht und damit einen hypnotischen Groove entfesselt. Zum anderen hätten wir da Fontella Bass, St. Louis-Soullegende, Sängerin und Komponistin des 64er Hits »Rescue me« und vom lieben Gott mit einer Stimme bedacht, mit der sie sich hinter keiner ihrer großen Kolleginnen verstecken muss. So sind denn auch »All that you give« und »Evolution« zwei über alle Maßen gänsehäutige Tracks, die aufs wunderbarste alte Soulseligkeit mit modernen Soundscapes verquicken. Eine ergreifende Traurigkeit schwingt mit in Miss Bass Gesang und setzt einen cleveren Kontrapunkt zur Leichtigkeit der Musik. Und »Everyday«, der albumbetitelnde letzte Song, entführt den Hörer in abgründige Psychothrillergefilde. Swinscoe zelebriert einen bedrohlich schleichenden Rhythmus, der in seiner alptraumhaften Langsamkeit an Angelo Badalamenti erinnert. Der hat ja immerhin das Abonnement zur Vertonung von Lynchfilmen.
Insgesamt eine schöne, abwechslungsreiche Platte, die sich an den Hörer schmiegt, ihn bisweilen ein wenig einlullt, aber auch dank der zwei Gäste, und des ein oder anderen herausragenden Instrumentals, nie die Bodenhaftung verliert. So sind in den besten Momenten die Stücke wirklich wie kleine Filme, die ihre eigene, spannungsreiche Geschichte erzählen. Und das ist gerade gut, zu einer Zeit, in der mit entspannten Jazzansätzen so viel einfallsloses Schindluder getrieben wird. Denn das Cinematic Orchestra ist allemal das gemütlichere Cafe am Meer.
LABEL: Ninja Tune
VERTRIEB: Zomba
VÖ: 13.05.2002

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