Radiohead

Hail To The Thief

Text: Carsten Sandkämper

Ich leide super. Eine Plattenrezension ist manchmal nicht nur Arbeit, sondern ein Kampf. Anderes wird auf einmal wichtiger. Überweisungen machen, aus dem Fenster gucken, einfach noch mal einkaufen gehen. Bloß nicht diese Auseinandersetzung. Bloß nicht dieses Ergebnis, die paar Zeilen, die sagen sollen, was oder wie das Album ist. Für mich, vielleicht für andere. Jetzt stecke ich wieder mittendrin. Habe mich gedrückt, wochenlang. Auf der anderen Seite hätte ich mir einen Arm abgehackt, wenn ich dieses Album nicht zur Besprechung bekommen hätte. Ich leide so super.

    Nach »The Bends« sagte Thom Yorke in einem Interview mit dem »Melody Maker«, er würde keine Musik machen, damit nachher die Presse an ihm herumanalysiert, vor allem nicht die Musikpresse. Das Wort »Depression« gehöre schließlich nicht den Musikmagazinen. Und wenn es um seine ginge, würde er davon nichts im Melody Maker lesen wollen. Er sei kein verdammtes role model im Stile Cobains. Er wurde trotzdem dazu gemacht. Wahrscheinlich ist es der Stärke der Band auf »OK Computer« zu verdanken, dass in der Folge der beginnende Personenkult um Yorke von einer bemerkenswerten musikalischen Entwicklung ausgebremst wurde.

    Und mal ehrlich: Ich hätte keine Lust, mit dem Menschen, der das Wort »introvertiert« erfunden zu haben scheint, ein Interview zu machen (auch davor habe ich mich gedrückt, letztlich kam es sowieso nicht zustande). Vielleicht, weil ich Angst habe, mir ein aufgebautes Bild zu zerstören. Vielleicht, weil ich feststellen würde, dass jedes Wort, das je aus seinem Mund kam, nichts als Pose ist. Was zwar schwer vorstellbar ist. Ich ziehe aber die Illusion vor.Allen Expertenmeinungen zum Trotz ist »Hail To The Thief« weder eine Rückkehr zu den »guten alten Gitarrenzeiten«, noch eine Neuerfindung.

    Radiohead machen unbeirrt da weiter, wo »Amnesiac« aufhörte. Gehen hier und da einen Schritt zurück in den Proberaum und lösen musikalisch Probleme, hier und da eher mit Blues denn mit Effektgeräten, landen jedoch immer wieder sicher im eigenen lichtarmen Universum aus getragenen Pianos, sequenzierten Bassgrooves, elektronisch-akustischen Schlagzeugkombinationen und spektakulär arrangierten Gitarren. Vor der Platte schien dieses Mal nach der Platte zu sein, große Rocksongs seien drauf, und der Gesang, schwärmte Schlagzeuger Phil Selway, sei so gut wie nie, das Dream Team mit Nigel Godrich funktioniere inzwischen so gut, dass alle sehr zufrieden seien - meinte Godrich. Und die Webcasts zeigten Radiohead in the mood for Schabernack, losgelöst, albern. Und noch vor dem Release sagt Thom gegenüber dem NME, das sei ihre »feel good record«.

    »There There«, dieses gospelartige Rockanthem als Single. Dennoch ist »Hail To The Thief« mitnichten ein echtes Rockalbum oder die echte »feel good«-Platte des Sommers. Es ist ein mit 14 Stücken vollgestopftes Monster, das sich nach mehrmaligem Hören, Hineinknien, Hingeben, Erleben in ein chronisch unartiges Kleinkind verwandelt, dessen Launen einem die Verzweiflungsröte ins Gesicht treibt. Da wechseln sich Favoriten täglich ab, mal klingt einem der zornige Ausbruch in Gitarrenwänden in »2+2=5« wie jahrelang vertraut, mal möchte man sofort weiterskippen bis »Sail To The Moon«, denn dieses Stück macht genau das. Hier ist man versucht, »Where I End And You Begin« auf der Stelle gegen The Cures Frühwerk zu tauschen, dann wieder will man tagelang nichts anderes hören. Bei »We Suck Young Blood« möchte man heute den Kritikern zustimmen, die Yorke als »Heulboje« bezeichnen, morgen wird man sich dafür hassen und das Stück vor der Außenwelt beschützen wollen. Ebenso wie »Scatterbrain« und »A Wolf At The Door«, diese fast schon progrockigen Kleinigkeiten am Ende des Albums, die einfach nur mit einem letzten Schluchzen durch die Hintertür verschwinden.

    Dabei fragt »Hail To The Thief« nicht, wie in den ersten Rezensionen zum Album immer wieder diskutiert wird, nach einer Entscheidung zwischen »elektronischen Versuchen« und »Rockballaden«. Hier gibt es kein Falsches im Richtigen, sondern lediglich die Akzeptanz von beidem. Damit haben Radiohead mit ihrem sechsten Album ein weiteres großartiges, weil unbequemes gemacht. Für mich die perfekte Illusion.

LABEL: Parlophone

VERTRIEB: EMI

VÖ: 06.06.2003

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