Common

Electric Circus

Text: Christopher Strunz

Die amerikanischen Reaktionen auf Commons neues Album könnten gegensätzlicher kaum sein. Wo das New Yorker Wochenblatt »The Village Voice« abschätzig »Dud of the Month« (Blindgänger des Monats) drüberschreibt, da weiß HipHops Parteirundschreiben, »The Source«, nur Schönstes von zu berichten. Was ist los? Erstens bewegt sich »Electric Circus« in riesigen Schritten von dem zurecht Konsens gewordenen Vorgängerdurchbruchalbum »Like Water for Chocolate« weg. Diese Entwicklung passiert deutlich über eine an den frühen 70ern geschulte Bewusstseinserweiterungsrhetorik. Das Album wurde in den New Yorker Electric Lady Studios aufgenommen, es gibt eine »Jimi was a Rock Star« betitelte Hymne an Hendrix, und Tracks, die »Aquarius« oder »Electric Wire Hustler Flower« heißen. Zweitens verstärkt Common diesen gleichermaßen auswuchernden wie irritierenden Effekt dadurch, dass sich die Guest Appearances-Liste auf »Electric Circus« geradezu enzyklopädisch liest: Prince hier und da an den Keyboards, Laetitia Sadier von Stereolab als Duett-Partnerin, Mary J. Blige auch, Erykah Badu als Produzentin und Sängerin, die Neptunes zweimal als Produzenten, Pharrell Williams selbst als Stichwortgeber, Jill Scott, Bilal and more. Diese Gästevielfalt wirkt, analog der Collage von 86 befreundeten und bewunderten Köpfen auf dem Cover von »Electric Circus«, universalistisch. Kritiker mögen auch beanstanden, dass die neue Common kein realer HipHop, sondern Pop, ja, schlimmer noch: ein Rockalbum sei. Schließlich werden Prince und Laetitia Sadier auf den ersten Blick nicht unbedingt mit HipHop assoziiert. Das ist jetzt aber egal, denn zusammengenommen schafft es Common, die seinem Style eigentümliche Soulfulness präsent zu halten, indem er elektrisch-eklektizistisch in die Breite geht. Die Spirits gerade jetzt bei einem so abgenutzten Ahnen wie Jimi Hendrix zu holen, gelingt, weil Common mit dieser Referenz respektvoll, nie kitschig oder gar ironisch, umzugehen weiß. Von »Come Close« mit Mary J. Blige, einem Liebeslied, das an die wärmsten Tage von A Tribe Called Quest gemahnt, bis zur psychedelischen Afro-Fusion von »Jimi Was A Rock Star« hält er ein Album zusammen, dessen Vielseitigkeit eben nicht Beliebigkeit, sondern Bereicherung bedeutet. Eine Bereicherung wessen? Des Funks. Common arbeitet, wie seinerzeit Sly Stone, an einer bereichernden, Community und Zusammenhalt betonenden Version des Funk.

LABEL: MCA

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 10.12.2002

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->