20 Jahre Melt! – Das waren die Highlights

Konfettiiii! Das große Geburtstagsgewitter beim Melt 2017 (Foto: Nils Witte)
Konfettiiii! Das große Geburtstagsgewitter beim Melt 2017 (Foto: Nils Witte)

Am Wochenende wurde in Gräfenhainichen ein runder Geburtstag gefeiert: Das Melt Festival wurde 20. Kamasi Washington, Die Antwoord, Bilderbuch und viele weitere Acts gratulierten. Tim Lindemann feierte für SPEX mit. Und Nils Witte hielt seine Kamera drauf. Nun heißt es: Nach dem Melt ist vor dem Melt. Der Ticket-Vorverkauf für das Melt Festival 2018 startet heute.

Das Melt Festival wurde 20 Jahre alt und feierte diesen runden Geburtstag auf den ersten Blick fast bescheiden: Das Line-up wies keine so schwergewichtigen Headliner auf, wie das mit beispielsweise Oasis oder den Pet Shop Poys in der Vergangenheit schon öfter der Fall war. Stattdessen standen Bands des oberen Elektro-Indie-Mittelstands und viele DJs aus dem kaum zwei Stunden entfernten Berlin im Zentrum der Auswahl. Tatsächlich aber zeigte sich genau hier erneut die Stärke des Festivals: im Auswählen. Wo anderorts fast willkürlich zusammengebucht wird, wer sich gerade auf Deutschlandtournee befindet, bleibt das Melt konstant geschmackssicher und überzeugt Publikum wie Künstler mit seiner ausgewogenen Mischung.

Tröter vor dem Herrn: Kamasi Washington (Foto: Nils Witte)
Tröter vor dem Herrn: Kamasi Washington (Foto: Nils Witte)

So kommt es etwa, dass viele der zum Raven nach Gräfenhainichen bei Dessau gereisten und dementsprechend kostümierten Besucher ihren freitäglichen Einstieg ins Festivalgeschehen mit einer Stunde Jazz begehen: Auf der großen, zentralen Melt-Stage steht – ein Coup des Booking-Teams – Kamasi Washington mit sechsköpfiger Begleitung. Der hat sein Set für den Anlass auf mehr Groove und weniger Improvisation getrimmt und holt für ein Stück gar seinen Vater auf die Bühne, was mit kräftigem Applaus bedacht wird. Zwar springt der Funke bei dieser Begegnung des Tenorsaxofonisten aus Inglewood mit der bunt behosten Partycrowd nicht gänzlich über, aber die musikalische Filterblase wird, Melt sei Dank, kurz durchbrochen.

Falco und EAV gechannelt durch Freddie Mercury: Maurice Ernst von Bilderbuch (Foto: Nils Witte)
Falco und EAV gechannelt durch Freddie Mercury: Maurice Ernst von Bilderbuch (Foto: Nils Witte)

Eine Band, die hingegen wie die Faust aufs bunt glitzernde Auge des Melt-Publikums passt, ist Bilderbuch. Die Österreicher erweisen sich ihres begehrten Samstag-Abend-Slots als würdig und verwandeln die Menge zwischen den alten Baggern des Ferropolis-Geländes in einen tanzenden Wust aus Konfetti, Luftschlangen und Leuchtstäben. Die Meinungen gehen in der nicht unbedingt repräsentativen Nachumfrage allerdings weit auseinander. Neben der offensichtlichen Begeisterung sehen sich manche angesichts erwachsener Zuschauer im Einhornkostüm doch zu sehr auf eine Schlagerparty für Gymnasiasten versetzt. Am besten trifft es ein Kollege, der Sänger Maurice Ernst beschreibt als „den österreichischen Freddie Mercury, der Falco und die Erste Allgemeine Verunsicherung channelt“.

Schlagerpartyeinhornmenschen beim Abraven in Ferropolis (Foto: Nils Witte)
Schlagerpartyeinhornmenschen beim Abraven in Ferropolis (Foto: Nils Witte)

Direkt danach kommt Bonobo, der seinen Downtempo-Trip-Hop gerne auf großen Bühnen mit Livemusikern interpretiert. Das funktioniert hervorragend, auch dank der tollen Sängerin Szjerdene, die den Briten schon auf seinem Album The North Borders unterstützt hat. Fast wird die Stimmung ein wenig zu schwelgerisch, zu entrückt – es fehlen die Brüche in dieser harmoniesüchtigen Performance. Noch bevor am Ende tatsächlich eine Orgel einsetzt, fühlt man sich wie auf einem alternativen Gottesdienst.

Szjerdene bei ihrem Auftritt mit Bonobo (Foto: Nils Witte)
Szjerdene bei ihrem Auftritt mit Bonobo (Foto: Nils Witte)

Was also ein wenig fehlt auf dem Melt 2017 ist der Lärm: Entweder schrammeln Gitarren gerade nach vorne oder die Bassdrum stampft verlässlich ihren Viererfuß. Einige Brüche in diesem Schema kann man auf der Meltselektor Stage finden, einer seit einigen Jahren etablierten Zusammenarbeit der Festivalmacher mit dem Berliner Duo Modeselektor. Das vielleicht beste Beispiel: der australische Musiker Ben Frost. Sein brachiales Noise-Set lässt viele im Publikum verdattert auf der Stelle stehen; man lässt den Krach lieber bewegungslos durch sich hindurchjagen. Als einer der ganz wenigen Künstler arbeitet Frost auch gekonnt mit den Videoeinblendungen im Hintergrund.

Die Antwort auf Die Antwoord: Scooter-Techno, Trap & Brostep (Foto: Nils Witte)
Die Antwort auf Die Antwoord: Scooter-Techno, Trap & Brostep (Foto: Nils Witte)

Auch irgendwie Krach aber doch deutlich anders sind Die Antwoord, die am Sonntagabend das Finale auf der großen Bühne bestreiten. Noch mehr als Bilderbuch am Tag zuvor geben die drei Südafrikaner dem Publikum eine Überdosis schlechten Geschmack mit auf den Heimweg – hier in Form von Scooter-Techno, Trap und Brostep. Mindestens viermal wechseln die Rapper Ninja und Yolandi dabei die Kostüme und rufen mit vielen lustig gerollten Rs gespickte Sinnlosigkeiten in die Menge. Viel Herz hat das nicht, ist aber eine wirklich sehenswerte Show.

Bewährt gegen Müffel nach vier Festivaltagen: Bad in der Menge (Foto: Nils Witte)
Bewährt gegen Müffel nach vier Festivaltagen: Bad in der Menge (Foto: Nils Witte)

Neben diesen prominenten Highlights wird auf dem Melt an großen und kleineren Bühnen, am See und im Wäldchen vor allem viel getanzt, meist zu House, Techno oder einem ihrer Derivate. Daran hat sich in 20 Jahren nicht viel geändert, höchstens im Detail. So konnte in diesem Jubiläumsjahr etwa der Berliner Club Sisyphos auf einer gemütlichen, hippieesken Stage direkt am anliegenden See seine Resident-DJs präsentieren. Mit Workshops und politischen Gesprächsrunden blieb dieses Festival außerdem noch immer einer gewissen DIY-Stimmung verbunden, die man angesichts von fragwürdigen Sponsoring-Aktionen schon mal aus den Augen verlieren kann. Ein großer Spaß also und eine würdige, nicht zu dick aufgetragene Geburtstagsfete obendrein.

Showdown in Ferropolis (Foto: Nils Witte)
Showdown in Ferropolis (Foto: Nils Witte)

Nun heißt es: Nach dem Melt ist vor dem Melt! Das Festival bedankt sich mit einem Aftermovie – und kündigt schon die nächste Rutsche an: Der Vorverkauf für das Melt 2018 startet heute. Festivaltickets gibt es ab 10 Uhr hier zu ergattern – in der ersten Preisphase für 114 Euro. Ebenso ab heute verfügbar sind die Park- und Caravan-Tickets.

 

Ein ausführliches Interview mit Kamasi Washington ist in SPEX No. 366 erschienen und hier nachzulesen. Die große Titelgeschichte zu Die Antwoord erschien in SPEX No. 329. Beide Hefte sind nach wie vor versandkostenfrei im SPEX-Online-Shop erhältlich.

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here