120 BPM – Filmfeature zum Kinostart

Schweigen = Tod. Nahuel Pérez Biscayart bei einer fröhlichen Aktion von Act Up Paris, Szene aus 120 BPM
Schweigen = Tod. Nahuel Pérez Biscayart bei einer fröhlichen Aktion von Act Up Paris, Szene aus 120 BPM

Blutbeutel zerplatzen auf Glasscheiben, an Bürowänden, an Köpfen. So kämpfte Act Up Paris Anfang der Neunziger gegen Aids. Regisseur Robin Campillo war damals selbst dabei und wurde nun für sein Filmporträt 120 BPM in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Die positiven Wirkungen von Streit und Konflikt werden oft unterschätzt. Dabei wirkt kaum etwas so belebend wie eine heftige Auseinandersetzung. Die Gruppe von Aktivisten, in deren Mitte Robin Campillo das Publikum mit den ersten Bildern von 120 BPM setzt, scheint sich dessen bewusst zu sein. Auch wenn die Regeln vorsehen, dass sie einander bei den Sitzungen nicht unterbrechen dürfen und Zustimmung nicht laut, sondern nur per Fingerschnipsen geäußert werden soll, merkt man der Spannung in ihren Gesichtern und Haltungen an, dass sie mit Leidenschaft einander widersprechen. Selbst dann, wenn sie sich im Grunde einig sind.

Sie streiten um Dinge wie die Schmissigkeit einer Losung, den Schriftzug eines Plakats oder das Timing eines Farbbeutelwurfs. Einig sind sie sich darüber, dass etwas getan werden muss. Die Gruppe nennt sich Act Up Paris, nach dem amerikanischen Vorbild. Ihr Kampf gilt den Pharmafirmen und der Politik, die – wir befinden uns im Paris der Neunzigerjahre – nicht entschieden genug agiert, was Behandlung und Prävention von Aids angeht. Fast alle sind selbst betroffen, und das hieß damals noch: todkrank.

Mörder! Antoine Reinartz bei einer weniger fröhlichen Aktion von Act Up Paris, Szene aus 120 BPM
Mörder! Antoine Reinartz bei einer weniger fröhlichen Aktion von Act Up Paris, Szene aus 120 BPM

Campillos Doku-Drama-Stil mit einer verfolgenden Handkamera und abrupten Schnitten lässt dem Zuschauer keine andere Wahl, als bei den Sitzungen und Aktionen teilzunehmen. Als im Lauf des Films die Geschichte zwischen dem quirligen, HIV-positiven Sean (Nahuel Pérez Biscayart) und dem stoischen Nathan (Arnaud Valois) ins Zentrum rückt, ist man auch da hautnah dabei. Weshalb das Ende ins Mark trifft, obwohl es absehbar ist. Und trotzdem gibt es die nagenden Bedenken: Fast zu wohl fühlt man sich als Zuschauerin in der Bewunderung dieser engagierten, leidenden, schönen jungen Menschen. Ein bisschen mehr Irritation, mehr störende Widersprüche hätten sie vielleicht sogar einprägsamer gemacht.

120 BPM
Frankreich 2017
Regie: Robin Campillo
Mit Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, Antoine Reinartz u. a.

Dieser Text ist neben vielen weiteren Film- und Musik-Features in SPEX No. 377 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

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